Zum Wintersemester 2014/15 stellen auch in Baden-Württemberg die für die Lehrerbildung verantwortlichen Einrichtungen Universität und Pädagogische Hochschule vom Staatsexamensabschluss auf Zwei-Fach-Bachelorstudiengänge um, an die bei Eignung ein „Master of Education“ angeschlossen werden kann. Verbunden mit diesem Wechsel werden der Anteil der Fachdidaktik an der Ausbildung und der Professionsbezug deutlich aufgewertet.

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Der bisher von den Universitäten eher mit Skepsis angenommene Systemwechsel bietet die Chance, weitere Lücken im System der Lehrerbildung zu schließen. Eine solche Lücke lag bisher im Bereich fehlenden Sicherheitstrainings. Referendare müssen zwar bei Dienstantritt einen Erste Hilfe – Kurs absolviert haben; es ist ihnen aber völlig selbst überlassen, wo und bei welcher Organisation sie diesen belegen. ‚Beratungsfirmen‘ bieten in diesem Feld Kurse umsonst an in der Hoffnung, so an Kunden für Versicherungsverträge etc. zu kommen. Eine weiter reichende Sicherheitskompetenz ist nicht vorgesehen – mit entsprechenden Konsequenzen: Harald Karutz berichtet von einer Studie, nach der jeweils fast 40% der befragten Lehrer ihre Vorbereitung auf Notfälle als „sehr schlecht“ bzw. „schlecht“ einschätzten, nur knapp 1% antwortete mit „sehr gut“ (Karutz 2010, 75).


Diese erhebliche Lücke könnte für die alten wie für die neuen Studiengänge mit einer Lehrveranstaltung geschlossen werden, die an der Universität Freiburg in Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Feuerwehr Denzlingen und dem Regionalverband des Arbeiter-Samariter-Bund entwickelt wird und im Rahmen eines Staatsexamenskolloquiums im Fach Englisch erstmals praktisch erprobt wurde. Zehn zukünftige Referendarinnen und Referendare setzten sich in einer mehrtägigen Blockveranstaltung unter der Überschrift „Integrierte Notfallkompetenz“ mit Fragen zur Rolle und Funktion von Lehrpersonen in Krisensituationen an der Schule auseinander.
Dabei standen nicht so sehr persönlich bedingte Krisen wie Mobbing, Suchtverhalten oder Traumafolgen im Mittelpunkt, denen in den letzten Jahren in den Medien und in der Fortbildung für Lehrende bereits verstärkt Aufmerksamkeit zugekommen ist, sondern vor allem ‚technische‘ Notfälle: Jedes Jahr verunfallen 1.4 Millionen Kinder im Schulbetrieb. Chemieunfälle, bauliche Schäden und Brände sind dagegen zwar zahlenmäßig selten, aber wie auch bei Angriffen und Übergriffen auf Schüler oder Lehrer ist in all diesen Situationen eine Notfallkompetenz gefragt, die sich weder auf theoretisches Wissen noch auf ein paar irgendwann einmal gelernte Handgriffe reduzieren lässt. Notwendig ist vielmehr eine durch regelmäßig aufgefrischtes Wissen und einstudierte Handlungsroutinen unterbaute Bereitschaft zu einem beherzten Eingreifen, das idealerweise das Problem bereits löst, oder wenigstens den kritischen Zeitraum bis zum Eintreffen voll ausgebildeter Rettungs- oder Sicherheitskräfte unterstützend überbrückt.
Angeleitet durch Dr. h.c. Wolfgang Müller-Stauss (ASB) und den Autor erarbeiteten sich die Kolloquiumsteilnehmer Kenntnisse im Bereich der Prävention, der Notfallreaktion und in Erster Hilfe. Mit Unterstützung durch die Stabsstelle Sicherheit der Albert-Ludwigs Universität konnten sie auch praktisch den Einsatz von Kleinlöschmitteln üben.
Was sich an all diesen Punkten zeigte, ist, dass die bewusst eingesetzte Reflektionsebene den Lerneffekt verstärkt. In der Notfallsituation findet für Lehrer eine Erweiterung ihrer ‚normalen‘ Funktion an der Schule statt. Im ungünstigen Fall wird dies als plötzliche Rollendiffusion wahrgenommen (Karutz 2010, 76), falls sich die Lehrenden nicht darauf vorbereitet haben, oder diese Rolle innerlich ablehnen.
Es muss also darum gehen, das eigene Rollenverständnis zu erweitern – Lehrer müssen sich auch als potentielle Notfallhelfer verstehen und in der entsprechenden Situation in das erweiterte – nicht ‚andere‘ – Rollenkostüm schlüpfen können. Von der Schülerseite her gesehen ist das zusätzliche Vertrauen und die Sicherheit, die durch die Handlungskompetenz der Lehrperson vermittelt wird, vermutlich ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Bewältigung der Krisensituation.
Das wissenschaftlich begleitete, erfolgreiche Pilotprojekt hat in dieser Hinsicht den Blick geöffnet auf weitere Möglichkeiten und auf Forschungsfelder: Hält ein durch die Lehrerin korrekt angelegter Verband sozusagen besser, aus Schülersicht? Sind Lehrende mit in einem Lehrgang ausgebildeter Notfallkompetenz im ‚normalen‘ Ablauf integrierte Alltagshelden, oder wird durch die Ausbildung einiger Interessierter an der Schule ein von Kollegen vielleicht sogar kritisch gesehener „Help(wo)man“-Typus ins Leben gerufen?
Deutlich zu beobachten war auf jeden Fall schon während der Übung, wie die zehn zukünftigen Referendarinnen und Referendare an Sicherheit gewannen – das Verbandspäcken fühlte sich mit jeder Wiederholung vertrauter an, die Helmabnahme ging flüssiger, der zunächst misstrauisch beäugte Defibrillator wurde zum sicher bedienten Instrument. Bei den Feuerlöschern war der Sicherheitszuwachs noch dramatischer: Einige, die sich bei der ersten Runde mit dem ungewohnten Gerät noch eher unsicher gezeigt hatten, schritten bei der Wiederholung resolut auf die Brandquelle zu, gaben einen kurzen Stoß auf die Flamme ab – aus! – und gingen lächelnd unter dem Applaus ihrer Kameraden wieder auf ihren Platz.

 

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