Von 2008 bis 2011 förderte das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Projekt Landmarke. Unter der Leitung des Professors Volker Wulf und unter Mitwirkung der BF Köln wurden am Fraunhofer Institut für Angewandte Informationstechnik (FhG-FIT) und dem Institut für Medienforschung (IfM) der Universität Siegen kleine Einheiten entwickelt, die von vorgehenden Feuerwehrtrupps verteilt durch die in ihnen eingebaute Sensor- und Übertragungstechnik ein Referenzsystem nach ‚draußen‘ aufbauen sollten. Interaktive Elemente an der Kleidung der Feuerwehrleute sollten eine Interaktion mit diesen Landmarken ermöglichen.

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Je nachdem welche Farbe die Landmarken haben, signalisieren diese Gefahrenstellen, Wegmarkierungen oder den Status eines Raumes (Foto: Jan Gerwinski)

Die Prototypen der Landmarke durchliefen vier Stadien; die letzte Entwicklungsstufe wurde „mit zusätzlichen Sensoren, Spannungsversorgungen, Schaltungen, Sende- und Em-pfängereinheiten für unterschiedliche Datenübertragungsstandards“ aufgerüstet und konnte mit einer „an der Schutzkleidung der Feuerwehrleute zu befestigenden Trageeinheit“ (S. 15) mitgeführt werden – frühere Prototypen wurden in den Übungen den beteiligten Feuerwehrleuten von Teammitgliedern zugereicht. Als Orientierungsfarben signalisiert rot Gefahrenstellen, blau wird als Wegmarkierung verwendet, mit grün wird angezeigt, dass ein Raum bereits abgesucht wurde, während eine gelbe Markierung einen Raum anzeigt, der vom Trupp betreten, aber noch nicht wieder verlassen wurde.

 

 

Zum Abschluss des Projekts im Mai 2011 stand fest: die Orientierungsgeräte sind technisch machbar und prinzipiell geeignet, „in seltenen, jedoch dann besonders gefährlichen Grenzsituationen Atemschutztrupps wertvolle räumliche Orientierung zu geben, wenn übliche Einsatztaktiken und technische Werkzeuge aus nicht vorhersehbaren Gründen keine sichere Hilfestellung mehr bieten“. Ein industrienahes Folgeprojekt namens KOORDINATOR wurde in die Wege geleitet, um die Erkenntnisse aus der Land-marke-Forschung in feuerwehrpraktisch nutzbares Format zu bringen.

In einfacherer Ausführung und in deutlich weniger kommunikationsfähiger Form als die Geräte eigentlich geplant waren, haben farbmarkierte Landmarken mittlerweile Freiwillige Feuerwehren erreicht. Die ursprüngliche Idee der interaktiven Elemente und der Identifizierbarkeit von Landmarken und Trupps auch von außen steckt dagegen weiter in der Entwicklung – die Markierungen am Trupp sollen Mannmarken heißen und die Landmarken nicht nur als Orientierungs- sondern auch Relaisstationen dienen.

Dass solche Forschung gefördert wird, braucht nicht zu überraschen: Es ist ja auch irgendwie nicht einzusehen, dass es möglich sein soll, raumtechnologische Lösungen bis hin zum Absetzen von Raumsonden auf dem Mars und auf Asteroiden hin zu bekommen, aber Feuerwehrleute tasten sich immer noch allenfalls durch eine Wärmebildkamera unterstützt in Gebäude vor. Im Zweifelsfall sind wir auch immer noch darauf angewiesen, den Kontakt zum Schlauch nicht zu verlieren, um daran entlang wieder ins Freie zu finden.

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Die Farbe Blau signalisiert einen Wegentscheidungspunkt (Quelle: Sylwia Birska. LANDMARKE-Projektergebnisse und das Folgeprojekt KOORDINATOR 14. März 2012 Fit-for-usability.de, LANDMARKE-Uni Siegen)

Dass sich das absehbar auch mit Landmarken nicht völlig ändern wird, ist eines der Ergebnisse eines Buches, das auf dem steinigen Weg zur feuerwehrpraktischen Nutzung dieser Gizmos wichtiger sein könnte, als es zunächst einmal aussieht. Die Doktorarbeit des Siegener Sprachwissenschaftlers Jan Gerwinski dokumentiert, wie die Landmarken in ihren verschiedenen Entwicklungsphasen funktioniert haben, wie die beteiligten Feuerwehrleute sich die Funktion dieser Dinger zu eigen gemacht und was sie den Entwicklern rückgemeldet haben, und vor allem wie es sich anhört, wenn ein Trupp im Brandobjekt vorgeht und dabei aus dem Ort der Handlung an sich ein Raum im geosemiotischen Sinne wird.

Wer jetzt „geo-wasfürnding?“ gedacht hat, hat das Hauptproblem der Verwendbarkeit von Gerwinskis Studie schon erfasst: Das im Rahmen einer Reihe des Instituts für Deutsche Sprache bei Winkler in Heidelberg erschienene Buch ist mit seinen knapp unter 300 Seiten für Nicht-Linguisten ein ziemliches Brett. Schon der Titel: Der Einsatzort im Kommunikationsvollzug. Zur Einbettung digitaler Medien in multimodale Praktiken der Navigation und Orientierung – am Beispiel der Feuerwehr soll zum Beispiel ungefähr heißen: Wir denken uns in der Einsatzsituation den Raum, in dem wir vorgehen, aus den Informationen zusammen, die wir haben. Dabei ergänzen wir Details und formen Annahmen über die weitere Ausbreitung und Bestückung des Raumes in dem Maße, in dem uns neue Informationen zugänglich werden. Dass man damit komplett daneben liegen kann, weiß jeder, der sich schon einmal auch nur zur Übung mit verklebtem Sichtfenster in einem unbekannten Raum zurechtfinden musste.

Insofern sind Erkenntnisse darüber, wie die Abläufe und Strukturen der Kommunikation aussehen, mit denen Feuerwehrleute im Einsatz aus Räumen, in denen sie sich orientieren müssen, ‚Handlungsräume‘ machen, ziemlich aufschlussreich. Diese Räume sind ja in der Regel nicht genauer identifiziert (es stand nur auf dem Bauplan des Architekten ‚Wohnzimmer‘ oder ‚Schlafzimmer‘). In die vorgefundene Struktur und ihre ggf. Veränderung durch die Benutzer sowie die momentane Problematik (Feuer, Wasser, Einsturz) bahnen sich Feuerwehrleute ihren Weg, wobei die herkömmlichen Wegezeichen (Kreidemarkierungen, Schlauch) durch die Landmarken sinnvoll ergänzt werden können – so weit die Annahme.

Jan Gerwinski hat das Team des Landmarke-Projektes und die Feuerwehrleute in den Übungsszenarien beobachtet, aufgenommen und ausgewertet. Ziel der Analyse war, haltbare Aussagen darüber treffen zu können, wie sich die Angriffs- und Sicherheitstrupps „ko-orientieren“, „ko-ordinieren“ und schließlich „ko-operieren“ (S.2). Das ist an diesem Forschungsprojekt eindeutig positiv zu vermerken: Die Praxisseite mit einzubeziehen ist nicht neu; wohl aber, dass die Feuerwehr Köln und das Institut der Feuerwehr NRW von Anfang an „ein höheres Gewicht als die … technischen Entwickler“ (S. 7) bekommen haben, weil sie die Abläufe, Bedingungen und Schwierigkeiten besser beurteilen können.

Dazu kommt jetzt wie gesagt als Faktor die Arbeit des Linguisten, der die „Artikulationsarbeit“ (47), die von den Trupps und ihrer Führung außerhalb der betroffenen Räume geleistet werden muss, analysiert. Wenn man sich durch die sehr gründliche und, nach sorgfältige theoretische und methodische Vorbereitung durchgebissen hat, kommt man bei den Übungsszenarien der verschiedenen gemeinsamen Workshops an. Diese sind logisch anhand von wahrscheinlichen Szenarien aufgebaut (S. 102-6). Die folgenden detaillierten Übungsanalysen lesen sich regelrecht spannend – man hört sich quasi von außen. Es ist bemerkenswert, wie viel von der ablaufenden Kommunikation mit der Vermittlung von Raumparametern zu tun hat, und wie sich das ändert, je nach dem, wie die Bedingungen aussehen. Eines der bedingungsverändernden Elemente sind die Landmarken.

Am wichtigsten sind aber natürlich die Ergebnisse, die aus den Analysen ausgelesen werden konnten. Drei davon sollen besonders herausgegriffen werden:

 1. Die Landmarken bieten in der Praxis „einen Zusatznutzen, weil sie aus größerer Entfernung wahrgenommen werden können“ (S. 272) und besonders dann, wenn sie wie in der letzten Projektphase individuell kodiert sind, schnellere Interpretationen zur Navigation im Raum unterstützen. Das Raumverständnis wird dabei aber immer noch in der Kommunikation zwischen den Beteiligten ausgehandelt, wobei die Landmarken einbezogen und zum Teil des Codes werden („Raum ist grün“ (S. 274)). Allein für sich reichen die Landmarken zur Sinnstiftung nicht aus.

2. Wenn z.B. grüne Landmarken nicht eindeutig abgelegt sind (Tür, Durchgang, Nische…) können sie ggf. sogar zu Verwirrung beitragen, d.h. sie funktionieren nur in Verbindung mit eindeutig auf sie bezogenen Raumkomponenten. Das begrenzt die Nutzbarkeit von Landmarkentypen, die durch Bewegungen von Personen oder nachgeführtes Schlauchmaterial verschoben worden sein könnten.

3. Es kann angenommen werden, dass Landmarken – vor allem, wenn die KOORDINATOR-Produktlinie Serienreife erlangen sollte – auf eine gewisse Technikskepsis treffen werden, dass ihr taktischer Mehrwert aber ähnlich wie bei Wärmebildkameras ihre Integration vorantreiben wird (S. 274-5).

Einschränkend stellt Gerwinski allerdings fest: „Im Datenmaterial lässt sich nachweisen, dass der Schlauch selbst in fortgeschrittenen Einsatzübungen mit Landmarken weiterhin das Leitmedium für Navigationsaufgaben nachfolgender Trupps sowie für den Rückweg der Feuerwehrleute am primären Einsatzort darstellt“ (S. 269). Auch wenn dieser Ariadnefaden etwas dick und schwerfällig geraten ist, wird so schnell keine technologische Lösung in der Lage sein, ihn beim Ausweg aus dem Labyrinth zu ersetzen.

Natürlich ist so eine sprachwissenschaftliche Dissertation selbst für jemanden, der zumindest randständig mit dem Fachgebiet vertraut ist, keine leichte Lektüre. Aber Jan Gerwinski hat 2014 auch schon einmal einen Vortrag bei der Freiwilligen Feuerwehr Bottrop-Eigen zu seinem Thema „Notfallbewältigungskommunikation in Brandeinsatzübungen“ gehalten. Wenn die Kameraden ihn verstanden haben, dann sollte er auch in eins der praktischen roten Büchlein übersetzbar sein – spätestens wenn die interaktiven Landmarken kommen.

Beteiligt waren an dem Projekt außerdem die Dräger Safety AG, das Telecooperation Office im KIT, die Firma Interactive Wear und die Waldemar Winckel GmbH, das Bremer Institut für Betriebstechnik und angewandte Arbeitswissenschaft und das Institut der Feuerwehr Nordrhein-Westfalen.

 

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Autor:
Prof. Dr. Wolfgang Hochbruck
Aktives Mitglied der FF Denzlingen, passives Mitglied der Ortswehr Schandelah, Gde. Cremlingen, Fachberater Brandschutzerziehung der Stadt Waldkirch und Mitglied des Zentrums für Sicherheit