Die Notfallmedizin ist aktuell vielen Veränderungen und Innovationen ausgesetzt. Die Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten, die sich für alle Beteiligten daraus ergeben, müssen genutzt werden. Insbesondere werden wahrscheinlich sowohl das verabschiedete Notfallsanitätergesetz als auch die Entwicklungen im Bereich der Telemedizin wesentliche Prozessänderungen in der präklinischen Versorgung bewirken.

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Innerklinisch rückt die interdisziplinäre Notaufnahme als zentrale Einheit zunehmend in den Fokus. Sowohl die organisatorischen, wirtschaftlichen aber auch berufspolitischen Herausforderungen und Sichtweisen müssen hierzu diskutiert werden. Als typische intersektorale Schnittstelle kommt dieser Einheit eine große Bedeutung zu, da die Möglichkeiten der Prozessoptimierung und -steuerung mit ihren weitreichenden Auswirkungen für den innerklinischen Ablauf von hohem Interesse sind.
Insgesamt 11 Fachgesellschaften und Vereinigungen haben im Rahmen des fünften interdisziplinären Notfallmedizin-Kongress vom 20. auf den 21. März zwei Tage lang ein interprofessionelles, interdisziplinäres und intersektorales Programm zusammengestellt und in den Rhein-Main-Hallen gemeinsam mit über 1.000 Ärzten, Pflegepersonal oder Rettungsassistenten die aktuellen und spannenden Themen diskutiert. In 29 Sitzungen stellten 82 Referenten an beiden Tagen die wesentlichen neuen Erkenntnisse in der Notfallmedizin vor. Im Fokus standen hierbei die Versorgung von Traumapatienten nach Unfällen, die Überlebenschancen bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand, Qualitätsmanagement
im Rettungsdienst, Notaufnahme oder Leitstelle sowie mit der Offshore in der Nord- und Ostsee auch neue Herausforderungen für die Notfallversorgung.

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Mit Themen wie der Telemetrie oder Einsatzorten im Offshore auf See standen aktuelle Bereiche auf der Tagesordnung der Notfallmedizin


Mehr Profis im Schockraum, weniger Todesfälle

Zum Kongressauftakt am Donnerstag stellte Professur Rolf Lefering von der Universität Witten/Herdecke aktuelle Zahlen, Daten und Fakten des letzten Jahres aus dem Traumaregister vor. Er stellte dabei fest, dass mit der Anzahl der „Profi s“ in der Notaufnahme die Chance der Notfallpatienten, das Krankenhaus wieder lebend zu verlassen, gestiegen ist. Darauf deuten neue Zahlen aus dem bundesweiten Traumaregister der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) zur Versorgung von Patienten mit Verletzungen hin.
Als kritische Masse werden in einem Krankenhaus zehn „Schockraum-Profis“, also Ärzte mit einsprechender Qualifikation und Zertifizierung, gefordert. Dazu zählt auch die Zahl der in der Notaufnahme tätigen Oberärzte. Bei zehn und mehr „Profis“  sei ein positiver Trend bei der statistischen Sterblichkeitsrate nachweisbar.
Die statistische Sterblichkeitsrate drückt mit Werten über oder unter 1 aus, ob mehr oder weniger Todesfälle auftreten als zu erwarten wären. Die Statistik wird dazu in drei Gruppen eingeteilt: Werte unter eins sprechen für eine bessere Versorgung, also höhere Überlebensraten, Werte über eins drücken das Gegenteil aus, also eine höhere Sterblichkeitsrate.
Werte nahe um eins stellen letztlich den „Standard“ dar.
Nach den Zahlen von Lefering aus dem DGU-Traumaregister kommen Zentren mit zehn oder mehr „Schockraum-Profi s“ kaum auf eine Sterblichkeitsrate über 1. Dort versorgte Patienten haben also eine vergleichsweise geringere Sterblichkeitsrate.
Auch die Zahl der Schockräume in einer Notaufnahme steht den Daten zufolge in einem Zusammenhang mit der Sterblichkeitsrate: Die wenigen Zentren mit drei oder mehr Schockräumen weisen in dem Register kaum standardisierte Sterblichkeitsraten über eins auf - im Gegensatz zu Häusern mit nur einem Schockraum, wie vor allem kleinere Kliniken.
Dort gab es deutlich höhere Mortalitätsraten. Laut Lefering kann aus den Zahlen abgelesen werden, dass größere Zentren eine bessere Traumaversorgung leisten können.


Schädelhirntrauma: Bessere Prognose bei Motorradfahrern

Am DGU-Traumaregister nehmen derzeit rund 600 Kliniken teil, vor allem aus Deutschland aber auch aus zahlreichen anderen Staaten, darunter etwa die Niederlande oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Jährlich werden hier Daten von über 25.000 Patienten mit Verletzungen dokumentiert und verglichen.
Eines nahm Lefering jedoch vorweg: „Wir wissen noch immer zu wenig über das Langzeit-Outcome“, sagte er in Wiesbaden. „Das ist eine der Baustellen, an denen wir in Zukunft nachbessern wollen.“ Als problematisch stellt sich demnach das dauernde Follow-up der Traumapatienten dar. Auch die präklinische Versorgung kann nur in Teilen dokumentiert werden.
Dennoch liefert das Register interessante Einblicke in die Versorgung von chirurgischen Notfallpatienten. Dazu zählt auch eine zunächst recht banal klingende Feststellung: „Je mehr Körperregionen betroffen sind, desto höher ist die Sterblichkeit“, sagte Lefering. Bei fünf betroffenen Körperregionen liege die Sterblichkeit bei 50,7 Prozent.
Auffällig ist zudem Leferings Hinweis, dass Schädelhirntraumen dann zur besten Prognose führen, wenn sie bei Motorradfahrern aufgetreten sind. Das sei der Helmpflicht zu verdanken, sie habe die SHT-Sterblichkeit gerade bei Zweiradfahrern deutlich verbessert.
„Pech“ haben hingegen Fahrradfahrer: Bei ihnen führen Kopfverletzungen zu einer höheren Mortalität, ähnlich ist es bei Fußgängern.
Obwohl seit Jahren die Zahl der Einsätze mit Rettungshubschraubern steigt, zeigt die Auswertung aus dem Traumaregister, dass der Anteil verletzter Patienten, die per Helikopter in die Klinik eingeliefert werden, sinkt.
Im Jahr 2000 sei das mit 51 Prozent noch jeder Zweite gewesen, mittlerweile (Daten aus dem Jahr 2012) liegt der Hubschrauberanteil bei den Traumpatienten „nur“ noch bei 23 Prozent.


Mehr Druck für die Reanimation – Deutschland ist Schlusslicht

Deutschlands Anästhesisten und Notfallmediziner machten in Wiesbaden Druck bei der kardiopulmonalen Wiederbelebung. Sie sehen deutliche Defizite bei der Laienreanimation, zugleich aber etliche Potenziale für Verbesserungen.
Nach Angaben von Professor Hugo van Aken ist Deutschland bei der Zahl der durch Laien reanimierten Patienten im internationalen Vergleich Schlusslicht. Die Überlebensquote betrage hierzulande lediglich 22 Prozent, sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und Klinikdirektor am Uniklinikum Münster. Dabei sei der Herzstillstand außerhalb der Klinik nach US-Daten jedoch die dritthäufigste Todesursache. In Deutschland könnte dies ähnlich sein.
Häufigste Barriere für Laienhelfer sei noch immer der Ekel vor der Mund-zu-Mund-Beatmung. Dabei, erinnerte van Aken, sei zunächst die Herzdruckmassage entscheidend. In den ersten Minuten nach einer Kardioplegie ist die Sauerstoffsättigung im Blut bekanntlich noch ausreichend.
Ohnehin wird seit Jahren in der internationalen Fachwelt diskutiert, ob die Empfehlungen zur Beatmung während der Laienreanimation noch aufrechterhalten werden müssen. Bislang wird in den einschlägigen Leitlinien noch dazu geraten. Experten messen der Mund-zu-Mund-Beatmung jedoch einen geringeren Stellenwert als der Herzdruckmassage zu.


Erfolge in Dänemark – Weltrekord in Münster

Anästhesist van Aken erinnerte an bemerkenswerte Erfolge in Dänemark. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass Dänemark im Jahr 2005 die Laienreanimation als verpflichtendes Training an den Schulen im Land eingeführt hatte. Und das zeigte deutlich Wirkung: War im Jahr 2001 nur rund jeder fünfte Patient mit einem Herzstillstand von Laien reanimiert worden (21,1 Prozent), war es im Jahr 2010 bereits fast jeder Zweite (44,9 Prozent).
Für van Aken war die Einführung der Trainingspflicht in den dänischen Schulen deswegen ein voller Erfolg. Nur: „Warum ist das in Deutschland nicht verpflichtend?“, fragte er, um gleich die Antwort darauf zu liefern. Baden-Württemberg will nach seinen Worten bereits ab dem nächsten Schuljahr Schüler in der Laienreanimation unterrichten.
Gemeinsam mit dem Roten Kreuz sollen die Kinder an den rund 4000 Schulen im Ländle in zwei Pflichtstunden in Wiederbelebung trainiert werden. Auch mit der Kultusministerkonferenz sei man im Gespräch, eine flächendeckende Lösung zu finden, so van Aken.
In einzelnen Regionen Deutschlands gibt es bereits heute ähnliche Projekte wie in Dänemark. Eine Kongressteilnehmerin berichtete aus Aachen. Dort können Viertklässler regelmäßig Reanimationstrainings an den Schulen erhalten.
Ein anderes nicht ganz unspektakuläres Projekt hatte es im vergangenen Jahr sogar ins „Guinness Buch der Rekorde“ geschafft: Während der „Woche der Wiederbelebung“ Ende September übten in Münster 12.000 Schüler gleichzeitig die Reanimation.
Ob das Projekt auch nachweislich Erfolge für die Patienten hat, wird man in der nächsten Zeit sehen. Fünf Kliniken in Münster sowie die dortige Berufsfeuerwehr nehmen seit 2007 am Deutschen Reanimationsregister teil, aus dem entsprechende Auswertungen gezogen werden können.

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Über 40 Aussteller begleiteten im Foyer den Kongress und sorgten für einen fachlichen Austausch