Die Flüchtlingskrise in Europa nimmt immer dramatischere Züge an. Hunderttausende verzweifelte Menschen fliehen unter oft katastrophalen Bedingungen, ein großer Teil von ihnen will nach Deutschland.

Insgesamt wird in diesem Jahr mit rund 800.000 Flüchtlingen gerechnet. Das sind viermal so viele wie im vergangenen Jahr aufgenommen wurden und immerhin noch doppelt so viele, wie vor dreiundzwanzig Jahren als bisherige Höchstzahl in Deutschland aufgenommen wurden.

Alleine in Niedersachsen hat das Land an mehr als 20 Standorten bereits fast 10.000 Notunterkunftsplätze geschaffen. „Die Flüchtlingsströme reißen aber nicht ab, es kommen täglich ca. 700 neue Flüchtlinge nach Niedersachsen, darum müssen wir weitere Kapazitäten schaffen“, so Staatssekretär Stephan Manke aus dem Innenministerium in Hannover. In nicht einmal drei Wochen hat Niedersachsen zuletzt mehr als 13.000 Flüchtlinge aufgenommen. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2013 haben in Niedersachsen nur rund 12.000 Flüchtlinge Asyl beantragt. „Alleine diese Zahlen zeigen, was für eine Aufgabe das ist und das bestimmte Schritte einfach notwendig sind, um diese riesigen Herausforderungen zu bewältigen“. In normalen Zeiten werden Asylbewerber in den Erstaufnahmeeinrichtungen der Bundesländer aufgenommen und anschließend über einen Schlüssel an die einzelnen Kommunen verteilt. Diese sorgen sich dann um die entsprechende Unterbringung. Im Laufe der Zeit wird dann über den Asylantrag, den Aufenthaltsstatus und damit auch über das Bleiberecht in Deutschland von den Behörden entschieden.

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In Celle-Scheuen wurde von den Maltesern eine Zeltstadt für Flüchtlinge aufgebaut.

Viele Flüchtlinge kommen mit der Bahn in Deutschland an. Am Hamburger Hauptbahnhof hat die Regionalgruppe von Falck Deutschland einen medizinischen Stützpunkt errichtet.

Bis zum Sommer standen hierfür überall noch ausreichende Unterkunftsmöglichkeiten zur Verfügung. Doch dann wurde die Politik von der sich verändernden Lage überrascht.

 

In Hamburg waren die Unterbringungsmöglichkeiten bereits Anfang Juli ausgeschöpft und der Senat musste als erstes Bundesland Notunterkünfte einrichten. Hierzu wurden in öffentlichen Parkanlagen wie in den Stadtteilen Jenfeld und Harburg Zeltstädte aufgebaut.

Diese Aufgabe wurde von den Hamburger Hilfsorganisationen übernommen. Aus den Beständen des Katastrophenschutzes wurden in kürzester Zeit Unterkünfte hergerichtet. Die ersten 50 Zelte sollten von Helfern des Deutschen Roten Kreuzes im Moorpark für 800 Flüchtlinge aufgebaut werden. Gehindert wurden sie zuerst durch aufgebrachte Anwohner, die über den vom Bezirksamt Wandsbek getroffenen Beschluss nicht informiert gewesen sind und gegen den Aufbau der Zeltstadt protestierten. Die Helfer des DRK rückten unverrichteter Dinge wieder ab und konnten erst am Folgetag unter Polizeischutz ihre Aufgabe beenden.

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Auch nächtliche Einsätze zum Aufbau von Flüchtlingsunterkünften fordert das Engagement der ehrenamtlichen Rettungskräfte.   Zum Herbst hin beginnt auch die Nutzung von kommunalen Sporthallen zu Unterkünften.

Mittlerweile ist die Situation wie in Hamburg bundesweit anzutreffen. Überall sind die ehrenamtlichen Helfer von den Hilfsorganisationen ASB, DLRG, DRK, JUH und MHD aber auch von Caritas und Diakonie sowie den privaten Organisationen von Falck Deutschland e.V. und dem Medizinischen Katastrophen-Hilfswerk Deutschland (MHW ) gemeinsam mit den Feuerwehren und dem THW pausenlos und unermüdlich aktiv, um die Behörden bei der Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge zu unterstützen.

Größte Herausforderung seit der deutschen Einheit

Ob im ehemaligen Rathaus von BerlinWilmersdorf durch den Arbeiter-Samariter-Bund, in der leerstehenden Kaserne von Schwanewede vom Deutschen Roten Kreuz oder auf dem ungenutzten Zeltplatz in Otterndorf mit der Johanniter-Unfall-Hilfe: alle Hilfsorganisationen haben die Verantwortung für eine Vielzahl von Erstaufnahmeunterkünften übernommen.

Die Aufgaben gleichen sich bundesweit. Meistens standen die Gebäude oder Grundstücke leer. Vor einer Nutzung als Aufenthaltsort waren daher erstmals Zelte aufzustellen und die zukünftigen Unterkünfte spartanisch mit Feldbetten sowie Bänken und Tischen zu möblieren. Gelegentlich fehlte es in den neuen Einrichtungen auch an sanitären Einrichtungen und Duschen. Abhilfe schafften hier die Feuerwehren und das THW mit ihrer Ausstattung zur Dekontamination. Hiermit werden provisorisch Duschen eingerichtet. In anderen Unterkünften werden auch Duschcontainer aufgestellt.

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Viele Hunderttausend Menschen machen sich auf dem Weg einer strapaziösen Flucht aus den Kriegs- und Krisengebieten im Nahen Osten / Foto: ASB

In der Unterkunft in Berlin-Wilmersdorf verteilen Helfer des ASB Lebensmittel an Flüchtlinge / Foto: ASB

In einigen Städten platzen die Flüchtlingseinrichtungen aber auch aus allen Nähten. In Hamburg wurde in den ersten Wochen noch auf die Messehallen zurückgegriffen und dort unter einfachen Verhältnissen Flüchtlinge untergebracht. In anderen Städten wurden bereits eigene Sporthallen umgewandelt, um dort Flüchtlinge einzuquartieren. Hier wurden mit Hilfe von Bauzäunen und Folien eigene Abteile geschaffen, um so zumindest ein wenig Privatsphäre zu gestalten.

Mittlerweile werden die Zeltstädte vielerorts wegen dem bevorstehenden Winter wieder aufgelöst und in alternative Unterkünfte umgezogen. Hierzu stehen gerade viele von der Insolvenz einer bundesweiten Baumarktkette betroffene Gewerbeimmobilien zur Verfügung. Mit Hamburg stellt bereits das erste Bundesland die Überlegung an, über eine Gesetzesänderung die Beschlagnahmung von Gewerbeimmobilien zu ermöglichen.

Kulturelle und ethnische Unterschiede

Der Arbeitsalltag der vielerorts noch ehrenamtlich tätigen Helfer ist nahezu identisch. Nach der Ankunft neuer Flüchtlinge werden diese in der jeweiligen Unterkunft registriert und medizinisch untersucht. Hierzu werden teilweise sogar bereits Röntgenapparate aufgebaut, um Verdachtsdiagnosen auf Tuberkulose auszuräumen.

Die Betreuung einer Flüchtlingsunterkunft ist sehr arbeitsintensiv. Aus diesem Grunde teilen sich bei allen Hilfsorganisationen mehrere Kreisverbände oder Gliederungen die Arbeit und lösen sich turnusgemäß bei der Betreuung ab. Zur mittelfristigen Aufgabenerfüllung werden aber aktuell zahlreiche hauptamtliche Betreuungskräfte gesucht.

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Mit LKW bringen die Johanniter selbst logistische Hilfslieferungen in die Flüchtlingsunterkünfte.

Auch Sporthallen werden in den Kommunen zu Unterkünften für Flüchtlinge umgewidmet.

Nach der Registrierung und Untersuchung werden die Flüchtlinge auf die Unterkunftsmöglichkeiten der Einrichtung verteilt. Aus Spenden von Kleiderkammern und Sozialkaufhäusern können sich die Flüchtlinge einkleiden.

Hochwertig sind meistens alleine die Handys, die die Flüchtlinge nutzen. Aber das hat seinen Grund. Es ist für sie die einzige Möglichkeit, Kontakt zu den Angehörigen zu halten, die teilweise noch in den Krieg- sund Krisengebieten sind. Damit die Flüchtlinge Ansprechpartner haben, gibt es in den Flüchtlingseinrichtungen eine 24-StundenBereitschaft.

Viel gelernt haben die Einsatzkräfte in den vergangenen Wochen über die kulturellen und ethnischen Unterschiede. Die Flüchtlinge kennen zum Beispiel kein Pfandsystem und keine Mülltrennung. Auch im Bereich der Verpflegung müssen die Helfer umdenken. Mineralwasser mit Kohlensäure wurde wegen der Sorge um Vergiftungen skeptisch abgelehnt, für Verunsicherung sorgten auch bei muslimischen Flüchtlingen Schweinebraten-Fotos auf Fertigmenü-Boxen. Mittlerweile kennen die Köche die Vorlieben der meisten Flüchtlinge gut: Südfrüchte, Weißbrot und viel gesüßte Milch.

USA und Kanada spenden Deutschland 15.000 Feldbetten

So viele Menschen kommen in so kurzer Zeit nach Deutschland, Tausende jeden Tag – und alle müssen irgendwo schlafen. Die Flüchtlingskrise hat Zelte, Container und auch Feldbetten in Deutschland zur Mangelware gemacht. Mancherorts sammeln schon freiwillige Helfer aus purer Not in der Bevölkerung Luftmatratzen und Isomatten ein.

Linderung brachte das Deutsche Rote Kreuz. Über das amerikanische und kanadische Rote Kreuz wurden insgesamt rund 15.000 Feldbetten aus Nordamerika eingeflogen.

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Nach der Ankunft in den Flüchtlingsunterkünften werden die Menschen erst einmal vor der Aufnahme registriert.

Mit englischen Begriffen wird auf die Hilfsangebote aufmerksam gemacht.

Für das DRK sei die Spende der nordamerikanischen Schwesterorganisationen sehr ungewöhnlich, sagte Generalsekretär Christian Reuter. Normalerweise liefere das Deutsche Rote Kreuz Hilfsgüter in andere Länder. In Zeiten einer „humanitären Notlage in Deutschland“ müssten ungewöhnliche Wege beschritten werden.

Seit Mitte September hatte die Lufthansa mit insgesamt zwölf Linienflügen die Feldbetten aus der US-amerikanischen Hauptstadt nach Frankfurt am Main und München geflogen. Die Feldbetten wurden in Unterkünfte nach Straubing und Erding in Bayern weiter transportiert.
Der Bettenmangel ist jedoch nur ein Aspekt bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise. In Brüssel trafen sich am 22. September die Innenminister der EU, um erneut nach einem Kompromiss für die Verteilung von weiteren 120.000 Flüchtlingen zu suchen.

Ist die medizinische Versorgung gesichert?

Wie steht es um die medizinische Versorgung insgesamt? Muss die Bevölkerung sich Sorgen machen, dass jetzt andere Krankheiten aus anderen Erdteilen zu uns kommen?

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Auch in den Unterkünften steht medizinisches Personal für die Versorgung der Flüchtlinge zur Verfügung. Mit Bauzäunen und Folien werden zumindest kleine Rückzugsräume für die Privatsphäre geschaffen.

Seit Deutschland Mitte September Grenzkontrollen eingeführt hat, wird auch der Zugverkehr zwischen Bayern und Österreich immer wieder ausgesetzt. In der Folge staut sich der Strom der Flüchtlinge, die über Osteuropa nach Deutschland kommen wollen, an der österreichischen Grenze.

Einsatz im Sanitätszelt

Vor allem die österreichischen und deutschen Bahnhöfe sind zu einem der Brennpunkte der Flüchtlingskrise geworden. Die Menschen, die hier auf die Weiterreise warten, haben einen beschwerlichen Weg hinter sich. Viele brauchen medizinische Hilfe.

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Kleider- und andere Sachspenden werden durch die Malteser an die Flüchtlinge verteilt.

Zur Integration gehören auch Sprachkurse. Diese werden in den Einrichtungen durchgeführt.

An vielen großen Bahnhöfen sind medizinische Stützpunkte von Hilfsorganisationen eingerichtet worden. In Salzburg ist es das Österreichische Rote Kreuz, in München das Medizinische Katastrophenhilfswerk Deutschland (MHW) der privaten Unternehmen und am Hamburger Hauptbahnhof die Regionalgruppe von Falck Deutschland e.V. Vor allem Schwächeanfälle, orthopädische Probleme und Wunden machen den Flüchtlingen hier zu schaffen.

Viele haben von der langen Flucht völlig geschundene Füße mit Blasen, Fleischwunden und Entzündungen. Behandelt wird im Sanitätszelt: Vom Verbandanlegen bis hin zu Vorsichtungsmaßnahmen bei der Versorgung eines Patienten mit TuberkuloseVerdacht.

Schutz vor Tuberkulose

Um Tuberkulose und andere ansteckende Krankheiten schnell erkennen und behandeln zu können, muss sich auch am Münchener Hauptbahnhof jeder Neuankömmling einem medizinischen Erstscreening unterziehen. Patienten mit einer Tuberkulose können so zum Beispiel rechtzeitig in die eine Klinik gebracht werden, bevor sich die hartnäckige Lungenerkrankung in Erstaufnahmeeinrichtungen und Unterkünften ausbreiten kann.

Aber wie sieht es mit Viren und Erregern aus, die in Europa bisher gar nicht vorkommen? Viele Menschen in der Bevölkerung sorgen sich zum Beispiel, dass Tropenkrankheiten über die Flüchtlingswege nach Europa gelangen könnten. Doch nachdem mittlerweile zehntausende Flüchtlinge registriert und untersucht worden sind, können Ärzte und Verantwortliche klar Entwarnung geben.

Stephanie Jacobs, Referentin für Gesundheit und Umwelt in der Landeshauptstadt München bestätigt, dass Tropenkrankheiten tatsächlich kein Problem sind. Niemand muss Angst haben, dass Malaria oder schlimmere Erkrankungen eingeschleppt werden. Bei den Flüchtlingen ist generell keine Krankheit überproportional vertreten, es gibt keinen Anhaltspunkt, dass wir mehr oder neue Krankheiten durch den Flüchtlingszustrom haben.

Medizinische Versorgung in Unterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen

Dass es trotz der großen Anzahl notleidender Menschen keine ernsten Epidemien gibt, liegt auch an der medizinischen Versorgung in den Flüchtlingsunterkünften. Bundesweit kümmern sich Ärzte und medizinische Fachkräfte um die Gesundheit der Flüchtlinge. Diese Helfer opfern ihre Freizeit für die Sprechstunden in den Unterkünften. Eine wichtige Aufgabe der ehrenamtlichen Ärzte: Vor allem minderjährige Flüchtlinge erhalten einen umfassenden Impfschutz, damit sich in den Massenunterkünften keine Krankheiten ausbreiten können.

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Auch große Zelthallen wurden für die Unterbringung von Flüchtlingen errichtet.

Viele ehrenamtliche Helfer opfern für die Flüchtlingshilfe einen großen Anteil ihrer Freizeit.

Kleinere Krankheiten können direkt in den schnell eingerichteten Behandlungsräumen vor Ort behandelt werden. Bei ernsteren Problemen verweisen die Ärzte ihre Patienten an Kliniken weiter.

Auswirkungen auf den Ausbildungsbereich

Das Engagement, die Logistik aber auch fehlende Unterbringungsmöglichkeiten haben jedoch bereits Auswirkungen auf den Ausbildungsbereich der Feuerwehren und Hilfsorganisationen.

 

Am 26. und 27. November sollte die länderübergreifende Krisenmanagementübung LÜKEX 15 als zweitägige Übung den Abschluss einer mit den Küstenländern Bremen, Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein sowie dem Bund gemeinsam vorbereiteten Übung zum Thema Sturmflut stattfinden. Vor dem Hintergrund der enormen Herausforderungen der derzeitigen Flüchtlingssituation in Deutschland haben Bund und Länder bereits Anfang September die Übung abgesagt.

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Verlauf der Asylanträge in den letzten 25 Jahren. Nach einem starken Rückgang der Asylanträge vor fünf Jahren steigt die Zahl der Asylbewerber historisch an.

Auch die niedersächsischen Feuerwehrleute werden bis auf weiteres auf ihre Aus- und Fortbildungen verzichten müssen. In der Akademie für Brand- und Katastrophenschutz (NABK) in Loy (Kreis Ammerland) und in der Einrichtung in Celle wird der Ausbildungsbetrieb ausgesetzt, damit dort zeitlich befristet Flüchtlinge untergebracht werden können.

Auch Hamburg, Baden-Württemberg oder Brandenburg haben schon Flüchtlinge in ihren Landesfeuerwehrschulen untergebracht, ebenfalls unter massiver Einschränkung des Ausbildungsbetriebes.