Unterföhring ist eine Gemeinde mit rund 10.000 Einwohnern im oberbayerischen Landkreis München und liegt am nordöstlichen Stadtrand Münchens. Unterföhring ist einer der wichtigsten Medienstandorte Deutschlands.
Nördlich der Gemeinde Unterföhring befindet sich seit 1992 der neue Flughafen München im Erdinger Moos. Mit 41 Millionen Passagieren gehört der Flughafen zu den größten Luftfahrt-Drehkreuzen in Europa.
Um den neuen Flughafen damals an das Schienennetz anzubinden, wurde beschlossen, die S-Bahn-Strecke von Ismaning dorthin zu verlängern. Den Flughafen München und das Zentrum der Landeshauptstadt München verbindet u.a. die S-Bahn-Linie 8. Mit einer Reisezeit von 42 Minuten erreichen Fluggäste die Terminals oder umgekehrt den Hauptbahnhof in der Innenstadt. Die Linie fährt rund um die Uhr und tagsüber jeweils alle 20 Minuten.
Die ursprünglichen Planungen des Neubaus gingen von einer oberirdischen Strecke aus. Viele Gemeinden forderten dagegen einen Tunnel im Bereich der Wohngebiete. Während der Streckenabschnitt in Unterföhring noch einspurig blieb, erfolgte 2005 ein zweigleisiger Ausbau und auch hier wurde der Bahnhof mit dem Tunnel unterirdisch gebaut. Einen großen Teil der Mehrkosten gegenüber der oberirdischen Variante übernahm die Gemeinde Unterföhring.

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Qualm dringt aus dem Tunnel auf dem Bahnsteig hervor. Sowohl Feuerwehr als auch der Rettungsdienst haben mit den Einsatzleitwagen ihre Führungsstrukturen aufgebaut. Hier werden gerade in der Führungsebene das weitere Vorgehen besprochen. Auf dem Bahnhofsvorplatz übernimmt eine Rettungswagenbesatzung des MKT einen Patienten aus der Patientenablage.

Arbeitsunfall mit Feuer als Ausgangslage einer Übung

In der Nacht vom 30. Januar auf den 31. Januar 2016 befindet sich eine Arbeitsstelle im S-Bahn-Tunnel (Nordportal) auf der Gemarkung Unterföhring. Es werden planmäßige Schleifarbeiten am Gleis mit einer Handschleifmaschine durchgeführt. Die fünf Mitarbeiter der Arbeitsstelle beginnen um 22.00 Uhr mit ihren Arbeiten.
Durch die Belastung der anfallenden Arbeiten erhitzt sich die Schleifmaschine. Um ca. 1.30 Uhr wird diese von einem Mitarbeiter wieder mit Benzin befüllt, damit die Schleifarbeiten fortgesetzt werden können. Hierbei wird aufgrund von Unachtsamkeit des Mitarbeiters ein Teil des Betriebsstoffes auf den heißen Motor gegossen.
Es kommt zu einer Verpuffung – das aus dem Kanister auslaufende Benzin fängt Feuer und es entsteht eine starke Verrauchung. Zwei Mitarbeiter werden schwer verletzt und können sich nicht mehr selbst retten. Da der Tunnel schnell verraucht, gelingt es den anderen Kollegen nicht mehr, sie zu retten. Die drei leicht verletzten Mitarbeiter laufen in Richtung Notausstieg und dem Bahnhof Unterföhring. Hierbei setzt ein Kollege den Notruf ab, um Hilfe zu holen.
Durch die Verpuffung wird die bereits in den Tunnel eingefahrene S-Bahn (in Richtung Flughafen) zu einer Schnellbremsung gezwungen und später auch nicht mehr mit Energie versorgt. Die Bahn bleibt im verrauchten Tunnel stehen. In der S-Bahn halten sich neben dem S-Bahn-Führer ca. 80 Fahrgäste auf. Durch den Rauch gelingt es den Personen im vorderen Bereich der Bahn nicht mehr vollständig, sich selbständig zu befreien. Den Personen, denen die Selbstrettung gelingt, laufen in Richtung Notausgang. Die Personen im hinteren Zugbereich können in Richtung Bahnsteig Unterföhring fliehen.
Es wird davon ausgegangen, dass sich 39 Bahnreisende und der Lokführer verletzten (durch Rauchgasintoxikationen, durch Verletzungen aufgrund der Schnellbremsung und durch die Flucht bedingte Verletzungen). Die übrigen Bahnreisenden bleiben unverletzt. Insgesamt sind folglich 5 Bahnmitarbeiter, der S-Bahn-Fahrer und 33 Bahnreisende rettungsdienstlich zu versorgen.

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Über die Löschwassereinspeisung am nördlichen Notausstieg speist die Feuerwehr Ismaning Wasser in die Druckleitung des Tunnels. Am nördlichen Notausstieg hat die Schnelleinsatzgruppe Behandlung der Johanniter die Versorgung der dortigen Patientenablage übernommen. Ab 21.30 Uhr treffen die in der Öffentlichkeit gefundenen Statisten und Verletztendarsteller im Feuerwehrgerätehaus ein und werden zum Zwecke der Übung registriert.

Tunnelübung als bisher größte Übung in der Historie der Feuerwehr Unterföhring

Dieses Szenario war glücklicherweise keine Realität sondern die Annahme einer großen Übung, an der aus dem Bereich der Feuerwehren mit den vier Freiwilligen Feuerwehren Unterföhring, Ismaning, München-Oberföhring und München-Freimann sowie der Berufsfeuerwehr München insgesamt 135 Einsatzkräfte mit 25 Fahrzeugen teilnahmen.
Aus dem Bereich des Rettungsdienstes waren die Organisationen Münchner Krankentransporte (MKT), das Bayerisches Rotes Kreuz (BRK), die Johanniter-Unfall-Hilfe ( JUH), der Malteser-Hilfsdienst (MHD) und die Aicher Ambulanz Union (AAU) mit einer Gesamtanzahl von 75 Rettungskräften und 20 Fahrzeugen beteiligt.
Vor mehreren Monaten begonnen hat Kilian Wimmer von der Freiwilligen Feuerwehr Unterföhring mit der Planung der Übung. Unterstützt wurde er dabei von dem stellvertretenden Leiter Rettungsdienst des privaten Unternehmens Münchener Krankentransporte (MKT), Christoph Schröer.
Um unter realistischen Bedingungen üben zu können, wurde für die Nachtübung ein von der DB Regio AG ein SBahn-Triebzug (Kurzzug) zur Verfügung gestellt. Das Unternehmen selbst ist regelmäßig alle zwei Jahre verpflichtet, eine entsprechende Notfallübung durchzuführen.
Für die Übung in Unterföhring wurde für die Übungsannahme ein entsprechendes Szenario ausgearbeitet. Für ein wirklichkeitsnahes Szenario wurden 75 Verletztendarsteller und Statisten in die Übung eingebunden. Diese wurden aus der Öffentlichkeit im Dezember über Aufrufe im Radio und bei Facebook gesucht. Innerhalb einer kurzen Zeit von 14 Tagen konnten die erforderlichen Teilnehmer gefunden werden.
Die Organisation und Ablauf der Übung bedeutete auch die Erarbeitung und Einhaltung eines strengen Zeitplanes.

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Die Helferinnen vom MKT schminken in zwei Stunden 45 Verletztendarsteller. Vor Beginn der Übung werden die Teilnehmer vom Kommandanten der Feuerwehr, Michael Spitzweg, dem Übungsleiter Kilian Wimmer und dem stellvertretenden Leiter Rettungsdienst, Christoph Schröer, in das Szenario und Ablauf der Übung eingewiesen. Mehr als 80 Statisten haben sich über einen öffentlichen Aufruf im Radio und bei Facebook zur Teilnahme an der Übung gemeldet.

Ablauf der Übung nach strengem Zeitplan

Am Abend der Übung treffen ab 21.30 Uhr die ersten Verletztendarsteller und Statisten im Gerätehaus der Feuerwehr Unterföhring ein. Selbst hier läuft bereits alles streng nach Plan. Jeder Eintreffende wird am Eingang von Kameraden der Feuerwehr registriert und erhält neben einer Teilnehmernummer auch ein Armband. Dieses soll dazu dienen, dass während und nach der Übung die Rückkehr aller Teilnehmer überprüft werden kann und keiner im Tunnel verbleibt.
Gleich nach der Registrierung beginnen Helferinnen und Helfer des MKT aus der Realistischen Unfalldarstellung mit dem Schminken der Verletzten. Für alle Statisten haben die Aktiven des MKT eine individuelle Rolle vorbereitet. Auf zwei Seiten Papier erhält jeder Statist eine Anweisung, was er spielen soll, welche Verletzungen er hat und wie er sich verhalten soll. Auf der zweiten Seite befinden sich verändernde Vitalparameter. Wenn die Einsatzkräfte des Rettungsdienstes sachgerecht versorgen, ändern sich die Vitalparameter und die Helfer erkennen den Erfolg ihrer Maßnahmen. Damit werden auch dynamische Effekte in die Übung integriert und auch die medizinische Versorgung in solch einer sicher für jede Einsatzkraft stressige Situation mit einbezogen.
Der bisherige Zeitplan wird an diesem Abend auch eingehalten. Um Mitternacht sind nach zwei Stunden alle 45 Verletztendarsteller geschminkt. Bevor die Übung beginnt, erfolgt eine Einweisung aller Statisten in das Übungsgeschehen sowie eine Sicherheitsunterweisung für das Verhalten im S-Bahn-Tunnel durch Verantwortliche der Deutschen Bahn.
Gestärkt mit einer Gulaschsuppe beginnt dann um 0.30 Uhr das Übungsszenario. Alle Teilnehmer begeben sich zusammen zum in der Nähe befindlichen S-Bahnhof Unterföhring. Dort wartet bereits der bereitgestellte Übungszug und die Statisten verteilen sich entsprechend ihrer Aufgabe auf den gesamten Zug. Um 1.00 Uhr schließen sich die Türen des Zuges und die Einfahrt in den Tunnel beginnt. Mit einem kurzen Stopp im nächsten Bahnhof Ismaning fährt dann um 1.10 Uhr die S-Bahn die Strecke in den Tunnel wieder zurück und hält am vorgesehenen Übungsort.
Die Statisten müssen noch bis 1.20 Uhr auf die entgegen kommende S-Bahn nach München warten. Als diese vorbei gefahren ist, geben die Verantwortlichen der Deutschen Bahn das Signal und die Verletztendarsteller übernehmen ihre vorgesehene Position im Tunnel. Ab jetzt wird bis zum Übungsende keine S-Bahn mehr im Tunnel verkehren. Die Deutsche Bahn hat den Tunnel für die Übung gesperrt und die Fahrgäste der jetzt im Stundentakt verkehrenden nächsten zwei S-Bahnen müssen auf einen eigens eingerichteten Schienenersatzverkehr mit Bussen umsteigen.

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Kurz vor Beginn der Übung. In dem S-Bahn-Zug ist noch alles ruhig. Der S-Bahnhof Unterföhring liegt an der Strecke der Linie S 8, die das Münchener Zentrum mit dem Flughafen verbindet. Nach dem Eintreffen beginnen die Einsatzkräfte der Feuerwehr Unterföhring mit dem Aufbau einer Löschwasserversorgung.

Mit Nebelmaschinen realistisches Übungsszenario

Nachdem die Übungsleitung um Kilian Wimmer und die Verantwortlichen der Deutschen Bahn sich davon überzeugt haben, dass alle Verletztendarsteller an ihren Positionen sind und auch keine allgemeinen Gefahren mehr bestehen, wird um 1.30 Uhr das Signal zum Beginn der Übung gegeben.

Entsprechend des Alarmierungsplanes wird Großalarm für die Feuerwehren der Umgebung sowie für den Rettungsdienst gegeben. Neben dem regulären Rettungsdienst werden auch Schnelleinsatzgruppen der privaten Unternehmen MKT und Ambulanz Aicher Union sowie der Hilfsorganisationen alarmiert.
Als erstes treffen die Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr Unterföhring sowie der Rettungswagen der örtlichen Rettungswache von MKT auf dem Bahnhofsgelände ein. Die Rettungskräfte werden bereits mit einer starken Rauchentwicklung aus dem Bahnhofsgelände und –strecke beim Eintreffen konfrontiert. Sechs Nebelmaschinen im Tunnel sorgen für einen möglichst realistischen Eindruck.
Die Kräfte der Feuerwehr übernehmen sofort den Aufbau einer Wasserversorgung und bereiten den Löschangriff auf den Brandherd vor. Die Besatzung des Rettungswagens führt eine erste Lagesondierung durch und gibt eine entsprechende Rückmeldung an die Leitstelle.
In den realistischen zeitlichen Abständen treffen die weiteren alarmierten Feuerwehren und Rettungsdienste an der Einsatzstelle ein. Auch die alarmierte Einsatzleitung mit Organisatorischem Leiter und Leitenden Notarzt trifft bereits nach 20 Minuten am Einsatzort ein und übernimmt die Leitung. Die Koordination erfolgt mit Hilfe der Unterstützungsgruppe Sanitätseinsatzleitung (UG-SanEL) und für den Einsatz werden die typischen Strukturen wie die Patientenversorgung, Registrierung und Transport festgelegt.
Die weiter eintreffenden Feuerwehren und Rettungsdienste übernehmen die von den Einsatzleitungen vorgesehenen Aufgaben. Während die Feuerwehr Unterföhring weiterhin die Brandbekämpfung und Personenrettung im Bahnhof übernimmt, werden die ankommenden Feuerwehren aus Ismaning zum Notausstieg im Nordbereich des Tunnels sowie die Berufs- und Freiwilligen Feuerwehren aus der Stadt München in den südlichen Tunnelbereich dirigiert.
Das Brandschutzkonzept des Tunnels beinhaltet mehrere Steigleitungen, die für die Brandbekämpfung genutzt und mit Wasser gefüllt werden. Über diesen Weg kann direkt im Tunnel selbst Wasser für den Löschangriff entnommen werden.

Die weiteren eintreffenden Rettungswagen bilden am Bereich des Bahnhofes in einer Seitenstraße einen Rettungsmittelhalteplatz.
Vor dem Bahnhofsplatz sowie am Notausstieg Nord haben sich Patientenablagen gebildet. Die Sichtung der Verletzten wird durch die Besatzungen von zwei Rettungswagen übernommen. Jeder Patient erhält eine Verletztenanhängekarte und wird entsprechend den Kategorien rot (schwer verletzt), gelb (mittel verletzt) und grün (leicht verletzt) eingeordnet. Nach dem Eintreffen am Einsatzort übernimmt die Schnelleinsatzgruppe (SEG) die Behandlung des MKT e.V. und die Versorgung der Verletzten am Bahnhof. Die Patientenablage am Notausstieg übernimmt die ebenfalls eingetroffene SEG Behandlung der Johanniter-Unfall-Hilfe.

Für die Betreuung und Beförderung von den unverletzten Passagieren kam von dem privaten Unternehmen Ambulanz Aicher Union ein Großraumrettungswagen zum Einsatz.
Nach der erfolgreichen Brandbekämpfung im S-Bahn-Tunnel hatten die Feuerwehren aus Ismaning und München auch die Aufgabe, mit Hilfe von Lüftern den Tunnel sowie den Bahnhof zu entrauchen.
Zum Bestandteil der Übung gehörten aber nicht nur der Aufbau, Struktur und Organisation an der Einsatzstelle. Im Gerätehaus der Feuerwehr Unterföhring wurde ein Krankenhaus angenommen, zu dem die Patienten aus dem Einsatz auch real befördert wurden.
Selbst die Einrichtung eines bei Tage sicherlich obligatorischen Hubschrauberlandeplatzes für Rettungshubschrauber wurde erprobt.

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Mit den Löschmittelkapazitäten der Tanklöschfahrzeuge wird der erste Löschangriff beim Brand im Tunnel sichergestellt. Die Übung beginnt. Die Verletzten aus der S-Bahn werden teilweise im Tunnel evakuiert. In einer Seitenstraße des Bahnhofes Unterföhring wird durch die ankommenden Rettungswagen ein Rettungsmittelhalteplatz eingerichtet

Übung war auch ein Extrem-Szenario

Nach zwei Stunden konnten pünktlich nach Plan alle Verletzten durch die Feuerwehren aus dem Tunnel gerettet und an die Rettungsdienste übergeben werden. Nach der entsprechenden Priorisierung wurden die Verletzten in angenommene umliegende Krankenhäuser befördert.
Um 3.30 Uhr ist in dieser Nacht am Bahnhof nichts mehr von dem nächtlichen Szenario zu sehen. Die Bahn hat die Strecke nach dem Abschluss der Übung wieder freigegeben und die Fluggäste können den Flughafen wieder direkt und ohne Umstieg mit dem Schienenersatzverkehr
erreichen.
Die Übungsteilnehmer und Verletztendarsteller treffen sich anschließend in der Fahrzeughalle im Feuerwehrgerätehaus und schließen die Nacht mit einem zünftigen Frühstück bei Weißwurst ab.
Für Michael Spitzweg, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Unterföhring, ist die Übung zufriedenstellend verlaufen. Sollte jemals ein voll besetzter Zug im Unterföhringer Tunnel stecken bleiben, müssen die Einsatzkräfte nicht nur die örtlichen Gegebenheiten bestmöglich kennen, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Helfern muss funktionieren.
Die Verantwortlichen der Feuerwehren und der Kreisbrandinspektion werden nun die Übung analysieren und suchen Punkte für eine Optimierung. Klar ist den Verantwortlichen aber auch, dass diesmal ein Extrem-Szenario geübt wurde. Normalerweise gibt es bei einem Unfall weniger Verletzte im Zug. Zudem versuchen Zugführer bei Problemen im Tunnel durch den Bahnhof durchzufahren und erst im Freien stehen zu bleiben.
Ein halb im Tunnel stehender Zug ist der schlimmste anzunehmende Fall.