Ein Schreckenszenario für jeden Einsatzleiter: Nach einer Explosion sind dutzende Menschen durch chemische Stoffe verletzt worden. Ammoniak hat Schleimhäute und Augen gereizt, die Haut verätzt, hinzu kommen offene Wunden, Frakturen, Schnittverletzungen und Kreislaufversagen. Solch ein Lagebild wird in jeder Rettungsleitstelle das Alarmierungsstichwort „Massenanfall von Verletzten“ und damit einen Großeinsatz von Feuerwehren und Rettungsdiensten auslösen, was wiederum eine beträchtliche Herausforderung darstellt. Diese Schadenslage kann dazu führen, dass die Kontamination bis in die Notaufnahmen der Krankenhäuser weitergetragen wird und sowohl beim rettungsdienstlichen als auch beim medizinischen Personal gesundheitliche Schäden verursacht.

Um die Kontamination aller betroffenen Personen auf ein Minimum zu reduzieren, sind neben der medizinischen Versorgung der Verletzten auch Maßnahmen zu Dekontamination zu treffen.

 REP Dekon 01
 In drei Jahren beschaffte das Land Nordrhein-Westfalen 50 Abrollbehälter für die Dekontamination Verletzter. Den Bau der Abrollbehälter übernahmen die Firmen Ewers sowie Dönges. (Bild Feuerwehr Wuppertal)


Das Land Nordrhein-Westfalen hat 2008 in einem bisher bundesweit einmaligen Konzept mit dem „Aktionsprogramm Katastrophenschutz“ begonnen, landesweit die Feuerwehren mit dem „Verletzten-Dekontaminationsplatz NRW“ technisch auszustatten und auf diese Gefahrenlagen vorzubereiten. Kernstück ist dabei ein Abrollbehälter „Dekon-V“, von dem zwischenzeitlich 50 an die Kreise und kreisfreien Städte ausgeliefert wurden.

 

 REP Dekon 02
Mit einem Wechselladerfahrzeug ist der Abrollbehälter an jeden Einsatzort zu befördern. (Bild Feuerwehr Wuppertal) 


Das Konzept baut auf die bestehenden Ideen für die Behandlungsplatz-Bereitschaft auf. Hiernach sollen die kontaminierten verletzten Personen aus dem Gefahrenbereich kommend über einen Verletzten-Dekontaminationsplatz unter Berücksichtigung lebenserhaltener Basismaßnahmen direkt dem Behandlungsplatz bzw. dem Krankenhaus zur notfallmedizinischen Versorgung zugeführt werden. Der Verletzten-Dekontaminationsplatz kann auch einem Krankenhaus direkt vorgeschaltet werden, wenn in dem Krankenhaus keine ortsfeste Dekontaminationsanlage vorhanden ist.

 REP Dekon 03
In dem Container ist eine Dusche für kontaminierte Betroffene integriert. (Bild Feuerwehr Wuppertal) 

Praktische Umsetzung des Konzeptes

Nach einer Kontamination durch eine ABC-Gefahrstoffexplosion muss schnellstens mit der Dekontamination begonnen werden, um weitere Schäden möglichst zu vermeiden. Diese Vorgabe kann lediglich durch Selbst- oder Eigendekontamination erfüllt werden, da eine Hilfe durch Einsatzkräfte nicht sofort zur Verfügung steht. Diese Selbsthilfe kann den Unterschied zwischen geringfügiger Verletzung (und damit dem Überleben) und schwerer Verletzung (und damit unter Umständen dem Tod) einer kontaminierten Person bedeuten.
Daher sollte über die Selbsthilfe der Bevölkerung im Bereich Selbst- oder Eigendekontamination verstärkt informiert werden, denn Betroffene sollten wissen, dass dieser Selbstschutz lebensrettend sein kann.
Selbst- oder Eigendekontamination bedeutet konkret

  • das Ausziehen kontaminierter Kleidungsstücke und
  • die Mechanische Entfernung von ABC-Gefahrstoffen mit geeigneten Hilfsmitteln.
 REP Dekon 04
 Gehfähige Patienten werden eigenständig zur Dekontamination verwiesen. (Bild Feuerwehr Wuppertal)

Nach einem Schadensereignis mit ABC-Gefahrstoffen ist davon auszugehen, dass alle Personen, die sich im näheren Umfeld der Gefahrstofffreisetzung aufgehalten haben, kontaminiert sind und demzufolge dekontaminiert werden müssen.
Die Dekontamination von verletzten Personen stellt die Einsatzkräfte aller Organisationen vor zahlreiche zusätzliche Herausforderungen. Neben der Kommunikation und Kooperation, die im Vorfeld detailliert geplant und intensiv geprobt werden müssen, kommt zu den „normalen“ Anforderungen im Einsatzgeschehen, ein durch den ABC-Gefahrstoff unter Umständen erhebliches Potential an Eigengefährdung der Einsatzkräfte, der unmittelbar betroffenen Bevölkerung, der Verletzten sowie nachgeordneter Versorgungsstrukturen (z.B. Krankenhäuser) hinzu.
Das in Nordrhein-Westfalen entwickelte zweistufige ABC-Schutz-Konzept „Verletzten-Dekontaminationsplatz NRW“ stellt in Ergänzung zu regional bereits vorhandenen Dekontaminationskonzepten eine zeitnahe Dekontamination sowohl kontaminierter Einsatzkräfte als auch einer Vielzahl von betroffenen Personen und Verletzten sicher.
Bei einer Anforderung von Dekontaminationseinheiten zur überörtlichen Hilfe unter dem Alarmierungsstichwort „V-Dekon 25 NRW“ soll eine Dekontamination von mindestens 25 Verletzten pro Stunde, bei einer Anforderung unter „V-Dekon 50 NRW“ soll eine Dekontamination von mindestens 50 Verletzten pro Stunde gewährleistet sein. Die überörtliche Hilfe ist aus Ressourcen in jedem Kreis und in jeder kreisfreien Stadt planerisch sicherzustellen.

 REP Dekon 05
Vor und hinter dem Abrollbehälter werden die mitgeführten Zelte zur Vordekontamination und Übergabe an den Behandlungsplatz errichtet. (Bild Feuerwehr Wuppertal) 

Aufbau eines Verletzten-Dekontaminationsplatzes

Auch Wuppertal ist Standort einer der 50 Abrollbehälter „Dekon-V“. Hier ist er dem Umweltschutzzug der Feuerwehr Wuppertal zugeordnet und wird von den freiwilligen Kräften der Feuerwehr betrieben.
Dadurch wird auch das nordrhein-westfälische Konzept umgesetzt. Der Verletzten-Dekontaminationsplatz ist eine taktische Einheit in Zug- oder Verbandsstärke, deren Aufgabe es ist, im Rahmen der überörtlichen Hilfe am Schadensort eine angemessene Dekontamination von 25 bzw. 50 kontaminierten Verletzten innerhalb einer Stunde durchzuführen und diese Personen an Einheiten oder Einrichtungen zur weiteren medizinischen Versorgung zu übergeben. Der Verletzten-Dekontaminationsplatz muss eine Aufgabe über einen Zeitraum von mindestens zwei Stunden autark erfüllen können.

 REP Dekon 06
Im ersten Zelt findet die Vordekontamination und Entkleidung der Betroffenen statt. (Bild Feuerwehr Wuppertal) 

Der Einsatz des Verletzten-Dekontaminationsplatz wird in vier weitere Aufgaben untergliedert:

  • Führung
  • Dekontaminationssichtung in der Verletztenablage
  • Verletzten-Dekontamination „liegend“
  • Verletzten-Dekontamination „gehfähig“.

Der Umfang der Ausstattung mit Verbrauchsgütern ist für die Versorgung von bis zu 100 kontaminierten Verletzten innerhalb von zwei Stunden ausgelegt. Benötigtes medizinisches Verbrauchsmaterial, das über die Bestückung des AB-V-Dekon und Dekon-LKW P hinausgeht, ist in der Regel extern (z.B. aus dem Behandlungsplatz) zuzuführen.

 REP Dekon 07
 Über Laufrollen und mit Spineboards können liegende Verletzte die Dekontamination durchlaufen. (Bild Feuerwehr Wuppertal)


Bei einem Wasserbedarf von planerisch 20-20 Liter pro zu dokumentierendem Verletzten ist, zur Aufrechterhaltung des Betriebes über einen Zeitraum von zwei Stunden, eine Gesamtwassermenge von mindestens 2.000 (25 Verletzte) bzw. 4.000 Liter (50 Verletzte) inkl. 50 % Reserve notwendig. Für die Wasserversorgung sind planerisch zusätzlich geeignete Tanklöschfahrzeuge vorgesehen. Das kontaminierte Duschwasser ist vollständig mit den mitgeführten Faltbehältern aufzufangen.

 REP Dekon 08
 Nach der erfolgten Dekontamination werden die Betroffenen im zweiten Zelt an die medizinischen Einheiten übergeben. (Bild Feuerwehr Wuppertal)

Dekontaminationssichtung

Verletztenablagen werden im Schwarzbereich in der Regel bereits vor dem Eintreffen eines Verletzten-Dekontaminationsplatzes eingerichtet. Die liegenden Verletzten werden dann durch örtliche Trägertrupps aus der Verletztenablage zum Verletzten-Dekontaminationsplatz verbracht. Die Reihenfolge legt der Sichtungstrupp des Verletzten-Dekontaminationsplatzes bestehend aus einem Notarzt und einem Rettungsassistenten fest. Die Dekontaminationssichtung erfolgt in der Regel bereits in der Verletztenablage spätestens jedoch vor dem Eingangszelt des Verletzten-Dekontaminationsplatzes. Die gehfähigen Verletzten begeben sich nach Weisung selbständig zum Verletzten-Dekontaminationsplatz. Alle Verletzten sollen bereits im Schwarzbereich mit landeseinheitliche Patientenanhängetaschen registriert – und unter Umständen auch kategorisiert – werden.

 REP Dekon 09
 Blick des Verletzten-Dekontaminationsplatzes von oben. (Bild Feuerwehr Wuppertal)

Vorbereitung und Durchführung der Dekontamination

Im Eingangszelt der Dekontamination beginnt die Vorbereitung der Verletzten auf die Nassdekontamination. Hier erfolgt die Übernahme der Patienten aus dem Schwarzbereich. Zwei Rettungsassistenten und sechs Feuerwehrkräfte sorgen dafür, dass die liegenden Patienten hier vollständig entkleidet auf Spineboards gelegt werden. Die medizinischen Maßnahmen beschränken sich in diesem Bereich im Wesentlichen auf lebenserhaltende Basismaßnahmen, Spot-Dekontamination und Abdecken von Wunden. Die entsprechend vorbereiteten liegenden Verletzten werden auf einem Spineboard auf das Transportsystem gelegt und in die Nassdekontamination weitergeschoben. Die gehfähigen Verletzten entkleiden sich hier vollständig und gehen in die Nassdekontamination. Die Kleidung und Wertgegenstände werden abgelegt, in Säcken verpackt und mit Aufklebern der Patientenanhängetaschen personenbezogen gekennzeichnet.  
In der Nassdekontamination werden die liegenden Verletzten dann mit geeigneten Reinigungs-/Desinfektionsmittel manuell gewaschen und mit Wasser abgespült. Die gehfähigen Verletzten werden zu einer selbständigen Dekontamination angeleitet.
Der anschließende Übergabebereich bildet dann die Schnittstelle zwischen dem Verletzten-Dekontaminationsplatz und den Einheiten oder Einrichtungen zur weiteren medizinischen Versorgung. Die dekontaminierten liegenden Patienten werden hier abgetrocknet, dann ggfs. auf Kontamination überprüft und mit einer Rettungsdecke geschützt. Die dekontaminierten gehfähigen Patienten trocknen sich in der Regel selbständig ab, werden dann genauso ggfs. auf Kontamination überprüft und kleiden sich mit weißer Ersatzkleidung in der Regel selbständig ein.
Der gesamte Ablauf beim Aufbau und Betrieb (z.B. Absperrung, Beleuchtung) der Verletztendekontamination wird technisch durch die Besatzung eines Löschgruppenfahrzeuges für den Katastrophenschutz unterstützt.

 REP Dekon 10
 In der Dekontamination werden Betroffenen entkleidet und mit Hilfe von Reinigungs- und Desinfektionsmitteln geduscht. (Bild Feuerwehr Wuppertal)

Personelle Besetzung des Verletzten-Dekontaminationsplatzes

Das Personal des Verletzten-Dekontaminationsplatzes sollte grundsätzlich aus Einsatzkräften mit sowohl ABC- als auch rettungsdienstlicher Ausbildung bestehen. Steht nicht ausreichend Personal mit dieser Doppelqualifikation zur Verfügung, sollten die Einsatzkräfte der Feuerwehren durch Reservekräfte des Rettungsdienstes und gegebenenfalls auch durch Kräfte der Hilfsorganisationen, soweit diese nicht schon im Behandlungsplatz eingebunden sind, ergänzt werden.
Die Mindestpersonalstärke des „Verletzten-Dekontaminations-Zuges 25 NRW“ beträgt planerisch 25 Funktionen (1/3/21/25), die Mindestpersonalstärke der „Verletzten-Dekontaminations-Bereitschaft 50 NRW“ planerisch 60 Funktionen (1/6/53/60).
Sowohl die Führungs- als auch die Multiplikatorenqualifikationen für spezielle ABC-Kenntnisse zur Verletzten-Dekontamination können in den Lehrgängen am Institut der Feuerwehr Nordrhein-Westfalen (IdF NRW) erworben werden.
Die speziellen ABC-Kenntnisse zur Verletzten-Dekontamination sollen durch ausgebildete Multiplikatoren auf örtlicher Ebene weiter vermittelt werden.

 

Fahrzeugausstattung und Schutzausrüstung

Planerisch sind für einen Verletzten-Dekontaminationsplatz

  • 1 Einsatzleitwagen (ELW) 1,
  • 1 Notarzteinsatzfahrzeug (NEF),
  • 1 Abrollbehälter Verletzten-Dekontamination (AB-V-Dekon) NRW,
  • 1 Dekontaminationslastkraftwagen Personen (Dekon-LKW P) Bund,
  • 2 Löschgruppenfahrzeuge für den Katastrophenschutz (LF-KatS) Bund,
  • 1- 2 Tanklöschfahrzeuge (TLF) mit einer Gesamtwassermenge von mindestens 4.000 Litern,
  • 1 Gerätewagen Logistik (GW-L) Bund

sowie weitere Fahrzeuge zum Personentransport (z.B. 2 – 3 Mannschaftstransportwagen (MTW) erforderlich.

Zur persönlichen Schutzausrüstung (PSA) der Einsatzkräfte im „Schwarzbereich“ des Verletzten-Dekontaminationsplatzes gehört ein umluftabhängiger Gebläsefilteranzug. Dieser Anzug hat gegenüber einem konventionellen Einwegschutzanzug (Typ 3) den Vorteil, dass für den Anzugträger keine Atemschutztauglichkeit nach G26 erforderlich ist und dieser Anzug demzufolge auch von ärztlichen und nichtärztlichen Einsatzkräften der Rettungsdienst und Hilfsorganisationen ohne zusätzliche Anforderungen getragen werden kann. Darüber hinaus ist die physische Belastung beim Tragen eines solchen Anzuges erheblich geringer, so dass Einsatzzeiten von rechnerisch bis zu vier Stunden möglich werden.
Das eingesetzte Personal im „Schwarzbereich“ des Verletzten-Dekontaminationsplatzes trägt darüber hinaus zwei Paar Untersuchungshandschuhe übereinander.
Für die Einsatzkräfte im „Weißbereich“ des Verletzten-Dekontaminationsplatzes ist ein Einwegschutzanzug (Typ 3) mit umluftabhängigem Atemschutz (Vollmaske mit „Feuerwehrfilter“ ABEK2-P33) erforderlich. Die Verwendung der Maske einschließlich Filter ist nur im Notfall notwendig.