Im Jahre 2012 fertiggestellt, hat es seitdem viele Tausende Besucherinnen und Besucher. Dazu zählen auch heute regelmäßig viele Auszubildende in Pflegeberufen, Medizinstudenten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Klinik, Rettungsdiensten und eine überaus interessierte breite Öffentlichkeit.

Die Rede ist von dem Medizinhistorischen Museum in Hamburg, was in einem denkmalgeschützten Bau von Fritz Schumacher entstanden ist. Das Medizinhistorische Museum setzt die Repräsentation von den historischen und kulturellen Aspekten der Medizin in Vergangenheit und Gegenwart in seinen Ausstellungen um. Verantwortlich für die Konzeption, Planung, Organisation, Aufbau und Durchführung der Ausstellungen ist das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin am UKE.

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In einem denkmalgeschützten Bachsteinbau von Fritz Schumacher auf dem Gelände des UKE findet man das Medizinhistorische Museum. (Foto Presse UKE)

Das Forschungsinstitut steht als Bindeglied zwischen Klinik, Medizinischer Fakultät, Studierenden und den Besucherinnen und Besuchern des Museums. Es bürgt für die wissenschaftliche Qualität des Museums, dessen Tätigkeitsfelder sich, neben der Vermittlung von Wissen durch Ausstellungen und Veranstaltungen für eine breite Öffentlichkeit, in die Bereiche Sammeln, Forschen und Bewahren gliedern. Konzeptionell ist das Museum fester Bestandteil einer am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf entstehenden Akademie für Gesundheit werden, welche die Aspekte der Vorbeugung und das Wissen über den Körper und seine Funktionen einem interessierten Publikum in Kursen und Vorlesungen präsentieren will.

 

 

Sektionssaal originalgetreu rekonstruiert

Das imposanteste Exponat ist so groß wie eine Turnhalle. Wer es betritt, wird geblendet vom Licht, das durch die gläserne Decke und den riesigen Seitenfenstern hereinströmt. Es ist der originalgetreu rekonstruierte, historische Sektionssaal der Alten Pathologie am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Durch den Einsatz des Freundes- und Förderkreises des UKE sowie mithilfe des Denkmalschutzamtes Hamburg und zahlreicher Sponsoren konnte der Saal 2009/2010 aufwändig restauriert werden. In der Bundesrepublik gibt es keinen vergleichbaren historischen Sektionssaal, der für die Öffentlichkeit zugänglich ist.
Noch im Jahr 2006 lagen hier die Leichen auf den Tischen aus massivem Gestein. Weder Stimmen noch Musik stören die Stille. Dieser Ort braucht keine weiteren Objekte, die erklären, was hier geschah. Keine Menschenpuppen, keine Skalpelle und keine medizinischen Präparate. Als Einrichtung gibt es nur die acht leeren Tische im bleichen Licht – sie reichen, um die Phantasie des Besuchers abzurufen, die man aus Krimiserien aus dem Fernsehen kennt.

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Stille findet am im originalgetreu rekonstruierten Sektionssaal mit den lichtdurchfluteten Fenstern vor. (Foto Presse UKE)

Pathologen und Anatomen haben in diesem Saal nach 1926 jährlich bis zu 1.800 Leichen obduziert. Nicht nur, um unnatürliche Todesursachen zu ergründen. Auch die Qualitätssicherung wurde hier betrieben, wenn im Nachgang eines Todes auf dem OP-Tisch oder im Krankenbett die Arbeit der behandelnden Ärzte noch einmal inspiziert wurde.

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Anatomische Modelle gehören in die Sammlungen des Museums. (Foto Presse UKE)

2007 bezog das Institut ein neues Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft. Im Sektionssaal wurde nach dem Auszug der aktiven Pathologen abgebrochen, was während seines Bestehens zusätzlich eingebaut worden war. Die Arbeiter rissen Zwischenwände ein und entfernten die abgehängte Decke. Das einstige Glasdach ist heute rekonstruiert, ebenso die Milchglasscheiben entlang der Seitenfront, die für jene Lichtfülle sorgen, die einst nötig war, damit die Ursachenforscher auch der kleinsten verdächtigen Veränderungen an den Organen der Toten auf die Spur kommen konnten.

Die Räume und die Eingangshalle tragen den Farbcode der Vergangenheit. Die mehrfach überpinselte Kolorierung wurde anhand von Farbresten rekonstruiert – das Museum ist nun in Ocker, Orange und Grün getaucht. Es war die Umstrukturierung des UKE im vergangenen Jahrzehnt, die es ermöglichte, über eine neue Nutzung der Räumlichkeiten nachzudenken. Früh legte sich der Medizinhistoriker und heutiger Direktor des Museums, Heinz-Peter Schmiedebach, fest: „Mit diesem Haus besitzen wir ein Denkmal.“

Von anderen medizinhistorischen Museen Deutschlands unterscheide sich das jüngste auch wegen seiner „Hamburg-Spezifität“. Der Hafen, sagt Schmiedebach, habe für Ein- und Auswanderungsbewegungen gesorgt. Mit den Waren- und Menschenströmen fanden auch die Krankheitserreger der Welt ihren Weg in die Hansestadt. „Aus diesem Grund zeigt das Museum auch die Krankheitswellen, die hier ihre Spuren hinterließen“, sagt Adolf-Friedrich Holstein, Vorstandsvorsitzender des Freunde- und Förderkreises.

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Unterschiede der Krankenpflege früher und heute lassen sich in der Ausstellung erleben. (Foto Presse UKE)

Eine der in Hamburg jüngerer Geschichte häufig diagnostizierten, mittlerweile jedoch fast in Vergessenheit geratenen Krankheiten ist die Syphilis. Sie hat ihren kulturellen Niederschlag in der riesigen Moulagensammlung des UKE gefunden. Allein 50 der 600 didaktischen Wachsobjekte zeigen Bläschen, großflächige Ausschläge und Geschwüre, Schwellungen und Aussackungen an Extremitäten und Blutgefäßen – bis hin zu den drastischen Darstellungen der Krankheit im Endstadium, mit zerfressener Schädeldecke und angegriffenem Gehirn.

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Mit mehr als 600 Moulagen aus Wachs wurden früher für die Lehre Krankheitsbilder nachempfunden. (Foto Presse UKE)

Auch die Auswahl im Ausstellungsbereich „Krankheit im Wachs“ lenkt den Fokus auf die Seuche. Daneben zeigen die Ausstellungsmacher, wie Wachsmoulagen hergestellt werden und wozu sie dienen. Das Material erlaubt den Kunsthandwerkern nämlich mehr, als die Krankheit bloß abzubilden: Schwer sichtbare Symptome konnten überdeutlich dargestellt werden. Die Moulagen standen schließlich nicht nur als Lehrmittel in den Hörsälen; Professoren nahmen sie auch mit auf Konferenzen, um die Krankheitsbilder mit Kollegen aus aller Welt zu erörtern.

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Historische medizinische Geräte gehören ebenso in die Ausstellung des UKW. (Foto Presse UKE)

Neben den historischen Exponaten – vom Brutkasten aus den 1930er Jahren bis zu neuzeitlichen Bildgebungsverfahren – ist die Ausstellung mit sogenannten Biografiesäulen bestückt. „Ein paradigmatisches Schicksal soll jeweils ein Kapitel beispielhaft illustrieren“, sagt Schmiedebach. So beleuchtet „Kosmos Krankenhaus“ das Leben von Lotte Karle, einer Krankenschwester, die fast ihr gesamtes Leben – von der Ausbildung bis zum Ruhestand – in dieser Klinik verbrachte.
„Krankheit und Stadt“ erzählt die Geschichte eines Opfers. Irma Sperling starb im Namen der Euthanasie. Das geistig behinderte Mädchen wurde 1943 mit Hunderten anderen in die Heilanstalt Am Steinhof nach Wien gebracht, wo sie mit medikamentösen Überdosierungen gequält und schließlich ermordet wurde – im Alter von 13 Jahren. 1996 kehrten ihre sterblichen Überreste nach Hamburg zurück, wo sie auf dem Friedhof Ohlsdorf bestattet wurde. 2002 wurde ihre Krankenakte gefunden, die jetzt mit ihrer Geschichte im Museum eingesehen werden kann.

Die Öffnungszeiten des Museums sind regelmäßig jedes Wochenende am Sonnabend und Sonntag von 13.00 Uhr bis 18.00 Uhr. Jeden Sonntag findet um 15.00 Uhr eine öffentliche Führung statt. Gruppen können sich auch außerhalb dieser Zeiten für Führungen in dem Institut anmelden.