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Im Rahmen der Energiewende nimmt die Windkraft in den letzten Jahren eine erhebliche Bedeutung für die Gewinnung alternativen und umweltschonenden Stroms ein. Um das Jahr 2000 herum ist man davon ausgegangen, dass es in Deutschland nicht ausreichend Platz gäbe, um genug Windenergieanlagen an Land (Onshore) aufstellen zu können. Aufgrund dieser Situation wurde von der Bundesregierung beschlossen, neben der Windenergie an Land auch den Ausbau der Offshore-Windenergie zu forcieren.

 

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Mit „Alpha Ventus“ liefert seit 2009 der erste Offshore-Windenergiepark Strom und wurde im April 2010 offiziell in Betrieb genommen. Ende 2015 waren auf deutschem Hoheitsgebiet mittlerweile insgesamt 792 Anlagen mit eine Gesamtleistung von 3.295 Megawatt in Betrieb, die sich in die Offshore-Windparks Alpha Ventus, Amrumbank West, BARD Offshore, Borkum Riffgrund, Butendiek, DanTysk, Global Tech, Meerwind Süd/ Ost, Riffgat und Trianel Windpark Borkum in der Nordsee und EnBW Baltic und Baltic in der Ostsee befinden. Mehr als 2.000 Menschen arbeiten bald dauerhaft bis zu 150 km von der Küste entfernt in den Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee. Oft verbringen die Mitarbeiter 14 Tage ununterbrochen auf See. Die Techniker, Monteure und Ingenieure in den Offshorewindparks der Nord- und Ostsee haben einen harten Job: Sie arbeiten unter Wasser, hantieren mit Starkstrom oder klettern in schwindelerregende Höhen. Sie bauen und warten die Anlagen mit bis zu 100 turmhohen Windrädern.
Konzepte für Rettungsdienste auf Basis eigener Initiativen

Wo zwar von Jahr zu Jahr die Zahl der Windenergieanlagen vor den deutschen Küsten immer mehr zugenommen hat, sind Kompetenzen und Zuständigkeiten für die Sicherheit und den Rettungsdienst nicht geklärt. Es fehlen weiterhin verbindliche Ausbildungsstandards und ein notfallmedizinischen Gesamtkonzept.

Die Windenergieparks befinden sich meistens außerhalb der 12-Meilenzonbe auf hoher See. Seitens des Gesetzgebers gibt es keine Regelungen für einen Werkrettungsdienst. Einzig vorhanden sind bisher Vorgaben der Unfallversicherung im Rahmen der Arbeitssicherheit. Die Betreiber der Windenergieanlagen haben daher in verschiedenen Netzwerken eigene und unterschiedliche Konzepte für den Notfall etabliert.

Als einer der großen Stromversorger hat E.ON den Windenergiepark AmrumbankWest gebaut. Mit einer Gesamtleistung von 288 Megawatt kann der Windpark rund 300.000 deutsche Haushalte mit umweltfreundlichen Strom versorgen.

„Null Toleranz für Unfälle“ lautet ein wichtiger Grundsatz im Bereich der Arbeitssicherheit bei E.ON. Bei der bestmöglichen Vorsorge lassen sich jedoch auch Unfälle und Erkrankungen nicht vollständig ausschließen. Ein Kollege, der sich nicht wohl fühlt, kann ein Sicherheitsrisiko sein. Neben Arbeitsunfällen können auch Erkrankungen jederzeit auftreten: von einer leichten Erkältung über einen Schlaganfall oder Herzinfrarkt bis hin zum Trauma. Aufgrund der weiten Entfernung zum Festland stellt die medizinische Versorgung für die Mitarbeiter erhöhte Anforderungen an Konzepte und Verfahren. Medizinische Versorgungsstrukturen wie an Land sind in einem Offshore-Arbeitsumfeld erst einmal nicht vorhanden. Der Konzern E.ON hat sich deswegen zu einer Zusammenarbeit mit WINDEAcare entschieden.

Im dem Netzwerk von WINDEAcare haben sich mit dem Klinikum Oldenburg, den Johannitern, der NHC Northern HeliCopter GmbH, die WINDEA Offshore GmbH & Co.KG, die IQmedworks GmbH sowie die EMS Maritime Offshore mit ihren Kompetenzen zusammen geschlossen.

Faktor Zeit – jede Sekunde zählt bei einem Notfall

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In einem Notfall ist Zeit der überlebenswichtige Faktor. Während der Rettungsdienst an Land schnell und reibungslos funktioniert, und der Gang zum Hausarzt eine Selbstverständlichkeit ist, stellt sie vor der Küste aufgrund der geographischen Situation eine große Herausforderung dar. In allen Abläufen der Offshore-Rettung müssen deshalb Zeitverluste minimiert werden. Das ganzheitliche Versorgungskonzept von WINDEAcare erlaubt es, bereits auf dem langen Transportweg in die Klinik mit der Therapie beginnen zu können.

Bei einem Notfall im Windpark kommt den Kollegen des Verletzten oder Erkrankten eine besondere Rolle zu: Sie müssen für mindestens 30 Minuten, oft aber auch länger, Erste Hilfe leisten. Damit sie in dieser Situation nicht alleine gelassen werden, ist die Notfall-Leitstelle mit Rettungsassistenten besetzt. Diese unterstützen die Ersthelfer umgehend nach Eingang des Notrufs per Telefon oder Funkverbindung und ziehen das Telemedizinische Zentrum hinzu. Dabei werden – je nach Ausbaustatus des Windparks - Sprache und Bilder zusammen mit den Vitaldaten (EKG, Sauerstoffsättigung und Blutdruck, etc.) in Echtzeit übertragen und stehen dem Telemediziner für seine Entscheidungen und Anleitungen zur Verfügung. Während der Rettungshubschrauber auf dem Weg zum Notfall ist, bekommt die Crew von der Leitstelle somit eine erste Einschätzung der zu erwartenden Lage.

Im Optimalfall befindet sich ein Rettungsassistent von direkt 24h im Windpark und kann, unterstützt durch telemedizinischen Support, unverzüglich professionell eingreifen.

Trifft der Helikopter dann im Windpark ein, kann unmittelbar mit der Versorgung begonnen und Informationen mit der Leitstelle ausgetauscht werden. Oft gibt es keine Möglichkeit zu landen. Dann werden Rettungsassistent und Notarzt mit der Winde vom Hubschrauber abgesetzt. Während der Patient dann an Bord genommen wird, ist die Leitstelle bereits auf der Suche nach einer passenden Klinik. Durch die hohen Qualifikationsanforderungen an die Besatzungen der Hubschrauber kommt moderne Notfallmedizin mit all ihren Möglichkeiten in den Windparks zum Einsatz. Die Ersthelfer werden nach dem Einsatz nicht alleine gelassen, sondern können Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) durch das Kriseninterventionsteam der Notfall-Leitstelle in Anspruch nehmen.

Klinikum Oldenburg übernimmt die medizinische Leitung

Mit dem Klinikum mit der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie (AINSKlinik) hat die WINDEA-Gruppe den idealen Partner gefunden, um bestehende Versorgungslücken gemeinsam zu schließen. Während sich bisherige Konzepte nur mit einzelnen Bausteinen der medizinischen Versorgung in Offshore-Windparks befassen, werden WINDEA und das Klinikum in ihrem ganzheitlichen und praxisorientierten Versorgungskonzept alle notwendigen Inhalte aus einer Hand abbilden. Dies gelingt durch die interdisziplinäre und unternehmensübergreifende Wissensbasis aus medizinischem, rettungsdienstlichem, nautischem, fliegerischem und (windenergie-) technischem Know-how, die diese Partnerschaft bietet.

Die Partner kooperieren mit dem Ziel, akut- und notfallmedizinische Konzepte zu etablieren, um eine Versorgung auf hohem Qualitätsniveau sicherzustellen. Dazu werden Praxiserfahrungen mit Forschungs- und Weiterentwicklungsprojekten verknüpft. Langfristig sollen die gemeinsamen Forschungsaktivitäten in eine Stiftungsprofessur an der European Medical School Oldenburg-Groningen übertragen werden.

Ergänzend zu Forschung und Entwicklung werden die Kooperationspartner auch bei der notfallmedizinischen Versorgung von Offshore-Windparks zusammenarbeiten. Neben der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Notfallmedizin für Offshore-Windparks wird so auch schon kurzfristig die Erbringung von medizinischen Leistungen auf hohem Qualitätsniveau durch die WINDEA-Gruppe sichergestellt.

Johanniter stellen Leitstelle

Gemeinsam für Partner aus der Windenergie-Branche betreiben die Johanniter im Ortsverband Stedingen im Landkreis Wesermarscg die medizinische Leitstelle für Offshore-Bauwerke mit dem Namen VENTUSmedic.

Die medizinische Leitstelle (Emergency Dispatch & Medical Support Center) VENTUSmedic arbeitet eng mit der Windpark-Betriebsleitstelle zusammen. Über im Vorfeld abgestimmte Wege laufen Informationen über Schiffe und Personen im Windpark in der medizinischen Leitstelle ein. Zusammen mit den Informationen aus dem Notruf ergibt sich so ein vollständiges Lagebild.

Ebenso sind die notwendigen Prozesse zur interaktiven Kommunikation mit staatlichen Organen (Havariekommando, MRCC, etc.) aufeinander abgestimmt. Die Leitstelle kann damit, schnell und zuverlässig, auch staatliche Rettungsmittel in den Prozess der Einsatzführung einbinden, und agiert in enger Abstimmung mit den Führungsorganen staatlicher Daseinsvorsorge. Gleiches gilt für die Vernetzung mit medizinischen Diensten anderer Windparks.

 

Die medizinische Leitstelle ist ständig in Kontakt mit dem Helikopter und integriert die Rettungscrew bereits auf ihrem Flug zum Einsatzort in die Kommunikation. Damit sind die Einsatzkräfte aktuell über den Patienten und die Situation vor Ort informiert und können sich optimal auf den Einsatz vorbereiten. Während von anderen Leitstellen nur die reine Notfallkoordination und Führung von Einsatzmitteln durchgeführt wird, bietet das WINDEAcare Konzept zusätzlich umfassende medizinische Kompetenz sowie das Angebot der Psychosozialen Notfallversorgung. Damit können alle medizinischen Erfordernisse eines Offshore-Windparks aus einer Hand abgedeckt werden.

Das Emergency Dispatch & Medical Support Center wird von der Johanniter-Unfall-Hilfe betrieben. Die Johanniter betreiben schon seit einigen Jahren eine Notruf-Zentrale, in der täglich über 1000 Hilfeersuchen von mehr als 23.000 Kunden bearbeitet werden. Unter Verwendung der hier gesammelten Erfahrungen ist hier in unmittelbarer Nähe der Notruf-Zentrale eine neue medizinische Leitstelle für Offshore-Windparks entstanden. Diese ist 24 Stunden am Tag / 7 Tage die Woche mit Rettungsassistenten besetzt, welche in einem rollierenden Schichtsystem sowohl in der Leitstelle als auch auf dem Offshore-Rettungshubschrauber arbeiten. Die Leitstelle wird ebenso wie die Notruf-Zentrale mit einer redundanten Kommunikationsanbindung und Datentechnik sowie einer Notstromversorgung ausgerüstet. Für den unwahrscheinlichen Fall eines Verlusts des Werftenstandortes Berne bei Bremen.

Rettung per Helikopter

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Aufgrund der erheblichen Distanzen, die bei Notfällen in Offshore-Arbeitsbereichen zur Rettung von Menschenleben zu überwinden sind, spielt neben Sicherheit und Qualität besonders der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle. So gilt es nicht nur, Zeit für den Patienten zu gewinnen, sondern auch das medizinisch etablierte Zeitfenster, das ein Überleben gewährleistet, so eng wie möglich zu halten. Dazu sind die eingesetzten Hubschrauber (Eurocopter AS 365 N2/N3) auf dem neuesten Stand der Technik und verfügen über moderne notfallmedizinische Einrichtungen wie Monitoring, Beatmungsgeräte, mobiles Ultraschall, Minilabor, etc.

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Mit dem Standort St. Peter-Ording sind kurze Flugzeiten in die Windparks gewährleistet. Im Falle eines technischen Ausfalls des bereitgestellten Hubschraubers ist ein gleichwertiger Ersatz stets gewährleistet.

Die Einsatz-Crew besteht ständig aus folgenden Besatzungsmitgliedern:
• Zwei Piloten
• Windenführer (HOIST Operator)
• Rettungsassistent (ausgebildet zum Höhenretter)
• Notarzt

Alle in der Offshore-Luftrettung eingesetzten Notärzte verfügen über eine überdurchschnittlich hohe notfall- und intensivmedizinische Durchführungsexpertise und nehmen, neben dem Offshore-Dienst, aktiv am Notarztdienst an Land teil. Durch den Facharztstatus einerseits und die Anbindung an eine Klinik und den Rettungsdienst an Land andererseits, ist sichergestellt, dass alle Verfahren moderner Notfallmedizin sicher beherrscht werden. Die Notärzte werden gestellt vom Klinikum Oldenburg, die Rettungsassistenten von der Johanniter-Unfall-Hilfe.

Alternativer Rettungsweg per Schiff

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Für den Fall, dass der Rettungshubschrauber aufgrund schlechter Wetterbedingungen nicht fliegen kann, wird im Vorfeld ein alternativer Rettungsweg per Schiff geplant und ein geeignetes Schiff, das im Windpark für tägliche Aufgaben (z.B. Crew Transfer) vorgehalten wird, entsprechend für den Transport von Patienten vorbereitet.

Hierfür wird das Versorgungsschiff zusätzlich mit einem Container ausgestattet. Die sogenannte MedicBox ist eine 10-Fuß- Container-Lösung, die eine angemessene Alternative zum Luftrettungsweg bietet. Durch den Einsatz der MedicBox auf einem Schiff in Verbindung mit medizinischem Fachpersonal (z.B. Notfallsanitäter) werden sowohl eine notfallmedizinische Erstversorgung als auch der alternative Transportweg sichergestellt.

Fast jeden zweiten Tag starten die Offshoreluftretter in St. Peter-Ording, meist zu Trainingszwecken, um die Abläufe bei verschiedenen heiklen Einsätzen zu üben. Echte Notfalleinsätze flog der Rettungshubschrauber voriges Jahr 84-mal. Vom Alarm bis zum Anlassen des Helikopters vergehen bei den Offshorerettern acht Minuten bei Tag, nachts maximal 17 Minuten. An Land braucht die Hubschrauberbesatzung höchstens zwei Minuten, muss aber auch weniger Vorkehrungen treffen – etwa Überlebensanzüge und Klettergurte anlegen oder vor dem Start das Wetter entlang der Flugroute überprüfen und die Route festlegen.

Im Winter wird es für die Spezialisten ruhiger

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Im Winter werden die Aufträge in der Nordsee und damit auch die Rettungseinsätze rarer, da in den Windparks weniger gebaut wird. Im vergangenen Dezember musste das Notfallteam lediglich viermal ausrücken. An Bord des robusten Spezialhelikopters, der für Einsätze ähnlich wie ein Militärhubschrauber ausgerüstet ist, sind neben den beiden Piloten und dem Notarzt ein Notfallsanitäter und ein Windenführer. Bei Stürmen brauchen sie starke Nerven, und gerade in Extremsituationen müssen alle Abläufe aufeinander abgestimmt sein. Im Hubschrauber tragen die Helfer Sicherheitswesten, Helme und Kälteschutzanzüge, die sie bei einem Notfall über der kalten Nordsee schützen sollen. Bei guten Wetterbedingungen erreichen sie jeden Einsatzort in der Nordsee innerhalb von rund 40 Minuten. Bei Sturm, Gewitter oder Vereisungen kann auch deutlich mehr Zeit vergehen.

Die Einsätze mit dem Hubschrauber sind auch für Spezialisten technisch und menschlich anspruchsvoll. Besonders wenn man sich abseilen muss oder auf kleinen Schiffen landen will. Windböen oder auch klirrende Kälte sind nur zwei von vielen Herausforderungen in diesem speziellen Umfeld.