Am 13. Dezember letzten Jahres nahm die Bahn die neue Strecke von Erfurt nach Halle/Leipzig in Betrieb. Seit dem rasen nun ICE-Züge mit bis zu 300 Stundenkilometern durch Mitteldeutschland. Doch der High-Speed-Wahn hat eine Kehrseite: Wie steht es um die Sicherheit am Gleis, wenn etwas passiert?

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Es war das schlimmste Zugunglück in der Geschichte Mitteldeutschlands: Am Heiligabend 1935 fuhren auf der legendären Schnellzugstrecke Leipzig-Erfurt bei Großheringen zwei Züge ineinander. Waggons stürzten in die Saale, 35 Menschen konnten nur noch tot geborgen werden.

80 Jahre später steht der Eisenbahnverkehr zwischen Leipzig und Erfurt vor einer Revolution.

Auf der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke rasen ab Mitte Dezember 2015 Schnellzüge dreimal schneller als 1935 durch Mitteldeutschland. Zunächst werden die ICEs mit maximal 230 km/h unterwegs sein. Der Grund: Die Bahn setzt auf der neuen Strecke nur einen einzigen ICE-Typ ein - den maximal 230 km/h schnellen Neigetechnikzug ICE-T. Die 70 Züge dieser Baureihe sind als einzige bei der Bahn mit dem neuen Zugsicherungssystem ETCS ausgestattet, das auf der neuen Strecke erstmals in Deutschland zum Einsatz kommt. Die Bahn will die Strecke später ausreizen, wenn schnellere Züge in ihrem Bestand ebenfalls mit ETCS ausgerüstet worden sind. Mit den schnellen Geschwindigkeiten potenzieren sich auch die Bremswege.

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Ein ICE mit 200 km/h braucht bis zu 2,5 km, bis er zum Stehen kommt. Bei 280 km/h sind es sogar 7,5 km. Längst ist kein Mensch mehr in der Lage, Signalanlagen wahrzunehmen. Deshalb gibt es auch keine mehr. Der Lokführer wird von Leitzentralen fernüberwacht.

Alle Entscheidungen über den Hochgeschwindigkeitszug auf der Strecke von Leipzig-Halle nach Erfurt werden in der neuen Betriebszentrale in Leipzig getroffen - einer Art Tower. Seit über einem Jahr testet die Bahn, ob das System funktioniert. Sensoren, Datenleitungen, Alarmsysteme - alles scheint so sicher wie noch nie. Doch ein Restrisiko bleibt.

 

Schnelle Züge - dramatische Unfälle

Am 14. November 2015 verunglückte auf der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Paris und Straßburg ein TGV bei einer Testfahrt, als er mit 243 km/h in eine Kurve fuhr. Erlaubt waren dort 176 km/h.Der Lokführer hatte den Bremsvorgang zu spät eingeleitet. Gigantische Fliehkräfte warfen den High-Speed-Zug aus der Bahn. Er stürzte in den Rhein-Marne Kanal. Elf Menschen starben. Am 24. Juli 2013 raste in der Nähe der spanischen Stadt Santiago de Compostela ein Hochgeschwindigkeitszug mit ca. 170 km/h statt der erlaubten 80 in eine Kurve und entgleiste. 79 Menschen starben. Es wirkten Kräfte wie bei einem Flugzeugabsturz. In schlimmer Erinnerung ist auch noch das Zugunglück von Eschede 1998, als ein Materialfehler am Radreifen einen ICE mit 200 km/h entgleisen und an einer Brücke zerschellen ließ. Bei diesem Unglück ließen über 100 Menschen ihr Leben.

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Freiwillige Helfer für den Ernstfall

Im Ernstfall kommt es darauf an, dass schnell professionelle Hilfe vor Ort ist. Doch wie ist das zu bewerkstelligen? Sind wir gewappnet, wenn der Katastrophenfall eintritt - mit Hunderten Menschen in Lebensgefahr?

 

Die Freiwillige Feuerwehr Buttstädt gehört zu den Helfern im Ernstfall. Die 42 Kameraden halfen bislang bei Bränden, Autounfällen oder Hochwasserkatastrophen. In den letzten Monaten ist ein neuer Geschäftsbereich dazugekommen: der Finnetunnel vor den Toren von Buttstädt.

Mit 7 Kilometern ist er der längste Tunnel der Hochgeschwindigkeitsstrecke Erfurt-Leipzig. Verunglückt in ihm ein Zug, sind die Buttstädter zuständig. Akribisch bereiten sie sich auf den Ernstfall vor, beschaffen die notwendige Spezialausrüstung, absolvieren ein Tunneltraining, lernen das Notfallsystem des Tunnels auswendig, besprechen die Einsatztaktik im Katastrophenfall. Ob die Vorbereitungen im Ernstfall tragen, lässt sich allerdings nicht vorhersagen.

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Mehrere Übungen vor Eröffnung der Bahnstrecke

Die Stadt Halle hat in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Saalekreis und der Deutschen Bahn zwei groß angelegte Einsatzübungen an der neugebauten ICEStrecke Halle-Erfurt organisiert.

 

Am 09.05.2015 trafen sich dazu Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei, Bundeswehr, THW und verschiedene Hilfsorganisationen in Halle-Ammendorf an der Saale-Elster-Talbrücke. Einsatzkräfte der DLRG Leuna-Merseburg und der DLRG Halle-Saalekreis waren mit vor Ort. Die Saale-Elster-Talbrücke ist mit 7,2 km die längste Eisenbahnbrücke Deutschlands. Sie überquert dabei sumpfige Auenlandschaft, so dass keine Möglichkeit einer Rettung von unten besteht. Im Gegensatz zu vielen anderen Brücken, befinden sich in ihren Stützpfeilern keine Zu- und Abgänge und sie kann nicht mit herkömmlichen Einsatzfahrzeugen befahren werden. Lediglich über drei Auffahrten ist ein Zugang bedingt möglich.

 

Es sollte das Szenario eines ICE-Unfalls auf der Saale-Elster-Talbrücke mit vielen Verletzen und auch Toten geprobt werden. Die Schwierigkeit bestand insbesondere darin, alle Personen aus dem Zug von der Bahntrasse über eine längere Distanz zum Behandlungsplatz am Ausgang der Brücke zu transportieren. Dabei hatte das reibungslose Zusammenwirken von DB, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdiensten aller Hilfsorganisationen, THW, Bundeswehr und vielen mehr, eine große Bedeutung.

Zirka 300 Einsatzkräfte mussten koordiniert werden, um eine schnelle Evakuierung des Zuges durchzuführen. Diese besonderen Gegebenheiten sind bei einer solchen Großschadenslage für alle Retter eine enorme Herausforderung.

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Im Vordergrund stand die Triage (Sichtung und Einteilung nach Schweregrad der Verletzungen) im Zug, die Menschenrettung aus dem Gefahrenbereich, der Aufbau des Behandlungsplatzes BHP 50, die Patientendokumentation, die Schadensbekämpfung, die medizinische Erstversorgung und der Abtransport. Die Triage wurde in drei Gruppen durchgeführt. So hatten viele Einsatzkräfte die Möglichkeit, diese durchzuführen und sich einen Überblick über die Situation im Zug zu verschaffen.

Die Feuerwehr rettete nach dieser Einteilung die Personen aus dem Gefahrenbereich und übergab sie an das medizinische Fachkräftepersonal des Behandlungsplatzes, wo Kameradinnen und Kameraden der DLRG Leuna-Merseburg eingesetzt waren. Die Verunfallten wurden nach der Eingangssichtung in das entsprechende Behandlungszelt zur medizinischen Erstversorgung gebracht. Anschließend ging es unter Beteiligung der DLRG Halle-Saalekreis mit bereitstehenden Rettungswagen in die umliegenden Krankenhäuser.

Übungsszenario auch im Osterberg-Tunnel

Den Osterberg-Tunnel in Kalzenberg werden die ICE-Züge nur streifen, denn mit Tempo 230 durchqueren sie in nur 39 Sekunden den Tunnel. Im Landkreis Saalekreis fand am 19. September eine Großübung mit Ausbildungscharakter am Osterberg-Tunnel mit über 600 Beteiligten statt.

Als Szenario kommt es auf der ICE-Stecke Erfurt-Leipzig im Osterbergtunnel in Fahrtrichtung Leipzig/Halle zu einem Unfall eines ICE-Reisezuges. Der ICE bleibt im Tunnel stehen. In der Mitte des 400 m langen Zuges entfacht in einem Wagen ein Brand. Die Löschversuche des Zugpersonals bleiben ohne Erfolg. Die Feuerwehren erwartet bei Eintreffen ein Vollbrand des Wagens. Die betroffene Tunnelröhre ist vollständig verraucht. An Bord befinden sich 110 Fahrgäste, von denen 50 verletzt sind.

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Nach Absetzens des Notrufes durch das Bahnpersonal erfolgt um 8:45 Uhr die Alarmierung der Einsatzkräfte. Insgesamt werden 17 Freiwillige Feuerwehren aus dem gesamten Landkreis Saalekreis zum Unfallort gerufen. Hinzu kommen Einsatzkräfte des Burgenlandkreises, Rettungsdienst, das Technische Hilfswerk und die Bundeswehr.

Die Aufgaben der ersteintreffenden Feuerwehreinsatzkräfte konzentrieren sich auf die gründliche Lageerkundung und anschließende Brandbekämpfung. Aufgrund der angenommenen Witterungsbedingungen können die Verletzten nur zum Ostportal transportiert werden. Direkt am Tunnelausgang werden die Betroffenen mit Hilfe der Triage, einer medizinischen Methode zur Bestimmung des Verletzungsgrades, von den Notärzten eingeteilt. So können sie später gezielt auf die unterschiedlichen Behandlungszelte verteilt werden. Der ärztliche Leiter des Szenarios, Prof. Dr. Gerd Meißner, ist mit der medizinischen Versorgung vor Ort zufrieden. „Es hat alles reibungslos geklappt“, so Meißner.

Das Resümee des Leiters des Ordnungsamtes der Kreisverwaltung, Jörg Heinze, fällt trotz kleiner Fehler positiv aus. „Generell wurde das Übungsziel zur Beherrschung eines Massenanfalls von Verletzten und Erkrankten und das Zusammenwirken der Einsatzkräfte erreicht“, so Heinze. „Natürlich haben wir auch erkannt, welche Defizite noch abgestellt werden müssen. Die Übung wurde vom Sachgebiet Brandschutz des Ordnungsamtes genau ausgewertet und ein Schwerpunkteplan für die weitere Ausbildung der Freiwilligen Feuerwehren erarbeitet“, so der Ordnungsamtsleiter.

Dass beim Thema Sicherheit eine konstruktive und kooperative Zusammenarbeit zwischen dem Landkreis und der Deutschen Bahn besteht, ist für alle Beteiligten entscheidend. So hat der Konzern dem Saalekreis alleine für den Osterbergtunnel drei Fahrzeuge zur Verfügung gestellt, die Atemschutztechnik und logistische Ausrüstung bei einem Notfall zum Einsatzort bringen.

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Am 9. Dezember letzten Jahres fand dann die offizielle Eröffnung der ICEStrecke durch Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel statt. Im Rahmen des Verkehrsprojektes Deutsche Einheit rollen seit dem täglich die Züge über diese Strecke.