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Wenn die Erde bebt oder ein Taifun wütet, lassen sie ihren Job ruhen und eilen zu Hilfe: die Ehrenamtlichen vom I.S.A.R. Alles privat organisiert und einmalig in Deutschland.

Im kalten Licht des Standscheinwerfers hetzt Darko über das Trümmerfeld, schnuppert an den Betonbrocken. Hundeführerin Astrid Kalff verfolgt die Bewegungen ihres jungen belgischen Schäferhunds, gibt anfeuernde Kommandos: „Darko, such! Darko, hierher!“ Als er neben einer Betonplatte hält, Sitz macht und bellt, weiß Kalff, was das bedeutet: Darko hat eine verschüttete Person aufgespürt. Kalff macht sich auf den Weg zu ihrem Hund, streichelt ihm über den Kopf, gibt ihm ein Leckerli. Dem Verschütteten nickt sie kurz zu, es ist meist ein Kollege, der die Rolle nur spielte. Im Ernstfall entscheidet Darkos Abschneiden in ihrem Suchgebiet über Leben und Tod.

 

Kalff, 48 Jahre alt, ist Hundeführerin bei International Search und Rescue, kurz I.S.A.R., einer privaten Hilfsorganisation mit Sitz in Duisburg, die bei Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Tsunamis im Ausland erste Nothilfe leistet. An Anlässen wird es nicht mangeln, wenn man den Prognosen der Klimaforscher folgt. Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften warnt, dass sich die Zahl der durch den Klimawandel verursachten Naturkatastrophen in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt habe: von 200 schweren Überschwemmungen, Stürmen und Hitzewellen in den 80er-Jahren auf zuletzt 400 pro Jahr. Für Organisationen wie I.S.A.R. heißt das: Die Einsätze werden häufiger und aufwendiger.

Zumeist gehören Kalff und ihre Kollegen zu den ersten Teams vor Ort, suchen in den Trümmern mit Hunden und Ortungsgeräten nach Überlebenden, versorgen sie medizinisch. Sie müssen schnell sein, in den kritischen erste 72 Stunden ist die Chance, Überlebende zu finden, am größten. Es sind diese ersten Stunden, in denen große Katastrophen die Weltöffentlichkeit erreichen. Für Sekunden erscheinen die Retter in den Nachrichten, mit ihren roten Jacken und den neongelben Reflektoren. Die meisten Zuschauer werden bei ihrem Anblick an das Technische Hilfswerk denken, kurz THW. Tatsächlich ist die staatliche Katastrophenschutzbehörde ein großer Apparat mit Tausenden Helfern. I.S.A.R. hingegen ist ein Verein, die einzige private deutsche Hilfsorganisation für Katastrophenschutz, die von den Vereinten Nationen zertifiziert ist. Keines der Mitglieder bekommt Geld für die geleistete Arbeit, alle engagieren sich ehrenamtlich. Sie setzen im Einsatz ihre Gesundheit aufs Spiel, schlagen sich ganze Wochenende mit Übungen im die Ohren. Manche investieren sogar ihr privates Geld in Ausrüstung.
Warum nehmen diese Menschen derartige Strapazen auf sich, um anderen zu helfen? „Man muss sich von den Gedanken verabschieden, dass jeder, der anderen hilft, das nur aus Altruismus tut“ sagt Kalff, die I.S.A.R. seit der Gründung begleitet. „Der Optimismus zieht einen zuerst rein. Man bleibt dabei, weil man den Zusammenhalt schätzt. Und weil man sein Können einbringen will.“


Noch heute ist zu spüren, dass I.S.A.R. als kleine, verschworene Truppe angefangen hat. Bei der Gründung 2003 gab es nur sieben Mitglieder und ein Startkapital von 50 Euro. Daniela Lesmeister, damals 23 Jahre alt und Polizeikommissarin in Duisburg, ist heute die Vorsitzende und leitet an diesem warmen Spätsommertag die Übung. Auf einer ehemaligen britischen Militärbasis in Weeze, nahe der niederländischen Grenze, sitzt sie in einem der weißen Großzelte, die das Basislager darstellen, und koordiniert den Einsatz. Gerade schickt sie die ersten Bergungsspezialisten auf einen Trümmerhaufen. Alle fünf Jahre muss sich das Team einem Rezertifizierungsverfahren stellen, bei dem es seine Fähigkeiten unter Einsatzbedingungen vorführt. Jeder Schritt wird unter lebensnahen Konditionen eingeübt: angefangen beim Transfer in das fiktive Katastrophengebiet über die Verzollung des Gerätes am Flughafen bis zur Errichtung des Basislagers und der Suche nach Verschütteten mit Hunden.

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Zu den Anfängen von I.S.A.R. sagt Lesmeister: „Wir waren uns sicher, dass wir das besser können.“ Fas jedes I.S.A.R.-Mitglied hat Erfahrungen bei THW, Feuerwehr oder anderen Organisationen gemacht. „Wir sind unserem Anspruch über die Jahre gerecht geworden“ findet Lesmeister, „ auch wenn wir merken, dass größere Strukturen automatisch mehr Zeit beanspruchen.“ Aus den sieben Mitgliedern sind inzwischen 150 geworden, die müssen binnen sechs Stunden abflugbereit sein, sobald ein internationales Hilfeersuchen bei den UN eingeht. „Jeder bringt sein Können ein. I.S.A.R. ist ein gelebter Beruf im Ehrenamt“, sagt Lesmeister. Zur Mannschaft gehören IT-Techniker, Feuerwehrleute, Pressesprecher, Ärzte.
Frederic Ruckert, 31, ist Arzt am St. Josefs-Hospital in Wiesbaden und seit fünf Jahren bei I.S.A.R. Er sagt, dass das Gefühl des Zusammenhalts, das Gefühl, etwas erreicht zu haben, mitnichten bei diesen Übungen entstehe – dafür umso mehr im Einsatz. Nachdem Taifun „Haiyan“ im Jahr 2013 über die Philippinen hereingebrochen war, versorgte er Verletzte im Lazarettzelt. Die scharfen Kanten der Wellblechhütten, die im Sturm wie Papierhäuser eingeknickt waren, hatten bei vielen Menschen tiefe Schnittwunden verursacht.
Als die Ärzte von I.S.A.R. eintrafen, litten viele Menschen aufgrund der schlechten Medikamentenversorgung bereits unter Infektionen. „Den ganzen Tag lang, bis zur Sperrstunde, standen die Leute vor unserem Zelt, und gleich hinter dem Lager befand sich ein Massengrab für die Toten.“ Eines Nachts, erzählt Rückert, sei ein junges Paar ins Lager gekommen, die Frau bereits in den Wehen. „Da haben wir inmitten von Trümmern und Verwesungsgeruch ein neues Leben zur Welt gebracht. Das schweißt zusammen und gibt Hoffnung.“
Naturkatastrophen wie der Taifun „Haiyan“ könnten sich auch in Zukunft durch die Erwärmung des Weltklimas häufen. Und auch wenn Daniela Lesmeister Unglücke wie diese nicht unmittelbar mit der Erderwärmung in Bezug setzen will, so warnt sie doch: „Jede Katastrophe ist eine zu viel. Die meisten Menschen in Deutschland haben keine Vorstellung davon, welche Bilder sich einem dort bieten.“
Jedoch erscheinen viele Menschen in Deutschland für das Problem sensibilisiert zu sein. Wenn Bilder dieser Art in den Nachrichten gezeigt werden, steht auch bei I.S.A.R. das Telefon nicht still. Rund 3.000 Bewerbungen im Jahr gehen ein, aber nur wenige schaffen es in ins Team, das Auswahlverfahren ist streng. „Es geht nicht nur um die fachliche, sondern auch um die mentale Eignung“, sagt die Vorsitzende Lesmeister. Von den 100 eingeladenen Kandidaten bleiben rund 20 neue Mitglieder in den Sparten Rescue, Medizin, Management und Logistik übrig.

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I.S.A.R. wächst auch deshalb langsam, weil der Verein von Spenden abhängig ist. Sobald die mediale Aufmerksamkeit für eine Katastrophe abebbt, versiegt auch der Spendenfluss. Dabei sind die wichtigen Hilfseinsätze von I.S.A.R. kostenintensiv. Um ein Flugzeug zu chartern, muss der Verein mehr als eine halbe Million Euro aufbringen, die durchschnittlich zehn Tage Einsatzzeit kosten rund eine Million Euro. Verpflegung und Energie bringen die Helfer aus Deutschland mit, um vor Ort keine Kosten für ein ohnehin schwer getroffenes Land zu verursachen. „Spenden an uns kommen vor Ort an. Wir wissen, wo Hilfe gebraucht wird“, sagt Lesmeister.