Hochwasserschutzanlagen wie Deiche und Fluttore an Gewässern gewähren keinen unbegrenzten Schutz vor Schäden durch Überschwemmungen. Sie werden auf ein den örtlichen Verhältnissen angepasstes Bemessungshochwasser ausgelegt. Über diesen Schutz hinausgehende kritische Belastungen können Maßnahmen zur Verteidigung und Sicherung von Deichen erfordern. Die Auswirkungen der Hochwassereignisse der vergangenen Jahre und die Forschungsergebnisse über die Auswirkungen des Klimawandels verdeutlichen dieses mit Nachdruck.

UEB Deichvert 14
Hochwasser hat in den vergangenen Jahren viele Schäden angerichtet.

Hochwasserereignisse wie zuletzt die Überschwemmungen an der Elbe und Donau im vergangenen Jahr verdeutlichen, wie wichtig und erfolgreich der Einsatz von qualifiziertem Fachpersonal bei der Verteidigung kritisch belasteter Deiche ist. Auch die Mitarbeit freiwilliger Helfer bleibt unverzichtbar. Ihre Hilfe ist umso wertvoller, je deutlicher ihnen die Gesamtzusammenhänge sind und je besser sie ihre möglichen Aufgaben bei der Deichverteidigung beherrschen. Fehler bei der Deichverteidigung können schwerwiegende Folgen haben und zu Deichbrüchen führen. Dieses muss auch in der Ausnahmesituation eines Hochwassers vermieden werden.

 

Kreis Steinburg übte an Elbe und Stör

Im Rahmen einer Vorübung fand im September entlang des Elbdeiches im Kreis Steinburg eine ganztägige Deichsicherungsübung mit über 430 Übungsteilnehmerinnen und -teilnehmern statt. Die reine Ausbildungsübung wurde im Vorwege der im kommenden Jahr stattfindenden Übung LÜKEX 2015 durchgeführt. Hierbei handelt es sich um eine mehrtägige länderübergreifende strategische Krisenmanagementübung. An dieser werden sich alle Küstenanrainer in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern inklusive der Niederlande und Dänemark beteiligen.
Da die Übung als eine reine Stabsrahmenübung unter Beteiligung von vielen Führungsstäben durchgeführt wird, hat sich der Kreis Steinburg dazu entschieden, in diesem Jahr unmittelbar vor der bestehenden Sturmflutsaison eine erste praxisnahe Übung zur Deichverteidigung durchzuführen.
Neben 300 Einsatzkräften der Feuerwehr nahmen auch Helfer vom THW, DRK, DLRG sowie vom LKN (Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein) an der Übung teil. Die teilnehmenden Einheiten kamen dabei teilweise aus den Kreisen Steinburg, Pinneberg und Segeberg.
Eingerichtet wurden zunächst die Wehrabschnittsleitungen Krempermarsch (im Feuerwehrhaus Horst) und Wilstermarsch (im Amtsgebäude des Amtes Wilstermarsch), die, neben dem Oberdeichgrafen, zum großen Teil mit Feuerwehrkräften besetzt wurden.
Anschließend wurden die verschiedenen Wachabschnitte besetzt und Feuerwehrkräfte gingen als Deichläufer mit dem jeweiligen Deichgrafen in den Einsatz. So hatten Mitarbeiter des Landesbetriebes für Küstenschutz (LKN) am Rande des Glückstädter Spülgebietes den alten und heute die zweite Deichlinie darstellenden Landesschutzdeich mit sturmflutähnlichen Schäden präpariert.
Wichtig ist bei Sturmfluten und Hochwasser für die Deichwachen, dass Unregelmäßigkeiten am Deich durch das Austreten von Sickerwasser und Verformungen erkannt und festgestellt werden.
Die Mitarbeiter vom Landesbetrieb für den Küstenschutz erklärten den dort eingesetzten Helfern von Feuerwehr und THW, wie leichte Risse in der Deichoberfläche mit großflächigem Gittervlies vor heran rauschenden Sturmflutwellen zumindest etwas gesichert werden können. Einige Meter weiter musste ein „richtiger“ bereits eingetretener Deichschaden in Form einer Böschungssicherung mit Faschinen, Pfählen und Sandsäcken geflickt werden.

UEB Deichvert 01

Auf dem Betriebshof am Sperrwerk der Stör fand die rollierende Stationsübung über verschiedene Möglichkeiten der Füllung von Sandsäcken statt.

Verschiedene Möglichkeiten der Sandsackbefüllung

Der Einsatzabschnitt Störsperrwerk stellte die teilnehmenden Helfer vor „kräftige“ Herausforderungen. An insgesamt fünf Stationen stand die Sandsackbefüllung auf dem Programm. Die unterschiedlichen Möglichkeiten reichen von einem Trichter oder verkehrt herum in eine querliegende Leiter gesetzte abgeschnittene Pylone. Während ein Helfer oben Sand hinein schaufelt hält ein zweiter Helfer den zu füllenden Sack darunter.
Professioneller und schneller ging es mit der auf einem Abrollcontainer verlasteten Sandsackfüllmaschine des Technischen Hilfswerkes Pinneberg. Diese benötigt zwar deutlich mehr Personal, schaff t dafür aber auch bis zu 3.000 Sandsäcke in der Stunde.
Um alle Teilnehmer der Übung an den verschiedenen Stationen umfassend zu schulen, wurde diese in mehrere Gruppen aufgeteilt und rollierend mit allen Aufgaben vertraut gemacht. So ist es beim Einsatz von Sandsäcken wichtig, dass dieser nur zu 2/3 mit Sand gefüllt ist. Beim Verlegen am Deich passt er sich somit besser an Unebenheiten an und kann auf einer Böschung nicht wegrollen. Auch der richtige Verschluss eines Sandsackes gehörte zu den Übungen.
Nach der Befüllung der Sandsäcke wurden diese auf Paletten für die Beförderung an den Deich vorbereitet und als Ladesicherung mit Folien gesichert. Mit Hilfe eines Gerätewagen Logistik wurden die Sandsäcke zur Übungsstation „Deichsicherung“ gefahren.
Im Katastrophenfall und deswegen auch in die Übung eingebunden war die Spezialpionierbataillon 164 aus Husum. Dieses stellt im Rahmen der zivil-militärischen Zusammenarbeit Kräfte und Mittel zur Hilfeleistung bei Naturkatastrophen und besonders schweren Unglücken bereit. Für den Hochwassereinsatz hatte die Bundeswehreinheit am Störsperrwerk einen schweren Pionierpanzer „Dachs“ vorgefahren. Das mit einem aufsetzbaren Tauchschachtes einsetzbare Gerät kann auch bis zu drei Meter unter der Wasseroberfläche zum Einsatz kommen, wenn Gewässerübergänge hergestellt, Erdbewegungen geschlossen oder Hindernisse aus dem Weg geräumt werden müssen.
Das die Befüllung von Sandsäcken mit Hilfe von maschinellen Geräten schneller geht, wurde den Teilnehmern während der Übung bewusst. 10 Arbeitskräfte werden während einer Stunde gerade 200 Sandsäcke füllen und die Öffnung binden können. Auch der Transport stellt eine logistische Herausforderung dar. Ein Mensch wird in einer Stunde ca. 80 Sandsäcke inklusive Aufnehmen/Transportieren/Ablegen bewegen. 60 gefüllte Sandsäcke wiegen ca. eine Tonne. Logistik in Form von Pritschenfahrzeugen, Gabelstaplern und Ladebordwänden ist daher eine bedeutende Unterstützung.
Die Dimensionen machen aber auch deutlich, warum bei den vergangenen Hochwasserlagen so viele Kräfte auch überregional zum Einsatz kommen. Erfreulich ist deswegen auch die bundesweite Erfahrung aus den vergangenen Jahren, dass sich in solchen Katastrophen über Medien wie Radio und soziale Netzwerke zahlreiche Bürgerinnen und Bürger zur Unterstützung der Hilfsmaßnahmen melden.

UEB Deichvert 02 UEB Deichvert 03

Viel Sand wurde aufgefahren, um praxisnah die Befüllung von Sandsäcken zu üben.

Auf Paletten verlastet und gesichert, wurden die Sacksäcke mit Hebewagen auf die Gerätewagen verladen.

 

 

UEB Deichvert 05 UEB Deichvert 08

Kraft kostet die Füllung von Sandsäcken mit Schaufel und Pylonen.

3.000 Sandsäcke lassen sich mit der auf einem Abrollcontainer des THW Pinneberg befestigten Maschine in der Stunde füllen.

 

UEB Deichvert 04 UEB Deichvert 06 UEB Deichvert 07

Gerade zur Deichverteidigung müssen die Öffnungen der Sandsäcke sachgerecht verschlossen sein.

Auch mit speziellen Trichtern lassen sich Sandsäcke füllen.

Mit Technik geht es besser: Über den Radlader der Bundeswehr lassen sich Sandsäcke schneller füllen.

Abdichten und Sichern von lokalen Wassereintrittsstellen

Eine weitere Station der Übung stellte die Borsflether Seite des früheren Fähranlegers über die Stör nach Wewelsfleth dar. Dort hatte der kompakte Wasserrettungszug der DLRG Pinneberg mit diversen Fahrzeugen
und Einsatzbooten Stellung bezogen. Deren Aufgabe bei der LÜKEX-Ausbildungsübung bestand darin, eine wasserseitige Deichsicherung mit einer Folie vorzunehmen.
An dieser Übungsstation wurde angenommen, dass die wasserseitige Böschung des Deiches lokal beschädigt ist und die Sickerwasseraustritte auf der landseitigen Böschung sich erhöht haben. Durch den Strömungsangriff kann sich die Schadstelle vergrößern.
Die Schadstelle sollte deswegen mit einer Folie (Lecksegel) abgedichtet werden. Hierzu musste die 22 Meter lange Folie zunächst mit dem unteren Ende an ein Stahlrohr oder eine Eisenstange befestigt und aufgerollt werden. Das freie Ende wird auf die Böschung bzw. Deichkrone gelegt und mit Sandsäcken beschwert. Anschließend wird die Folie auf der Böschung abgerollt und die Seiten auch unter Wasser mit Sandsäcken beschwert. Zum Einsatz kamen hier allerdings nur simuliert die Strömungstaucher der DLRG. Im Ernstfall stellen besonders Strömungen die Taucher vor große Herausforderungen. Strömungsseitig müssen auf der Folie dreimal so viele Sandsäcke verstaut werden wie auf der anderen Seite. Jeder Sandsack bedeutet einen Tauchgang. Erstaunt waren die Teilnehmer über die Menge der erforderlichen Sandsäcke. Alleine für den 22 Meter langen Abschnitt waren 300 Sandsäcke notwendig. Bei längeren Abschnitten über hunderte Meter ist der Bedarf entsprechend höher.
Eine weitere Übungsstation war schließlich die Feuerwache in Wilster. Dort saß die Wehrabschnittsleitung und koordinierte das Einsatzgeschehen aus der Ferne. Nach über sechs Stunden Arbeit ging die Übung dann zu Ende.
Die Übung hatte im Kreis Steinburg bereits zum dritten Male stattgefunden. Wichtig ist den Organisatoren im Ordnungsamt, dass alle Helfer im Katastrophenschutz regelmäßig und umfassend den Einsatz bei Sturmflut und Hochwasser üben.

UEB Deichvert 11 UEB Deichvert 09

Der Ausbilder der DLRG erklärt der Gruppe die Technik der Deichsicherung.

22 Meter lang muss eine Folie zum Abdichten einer Schadstelle am Deich sein.

UEB Deichvert 10

 

Am Ende der Folie muss eine Eisenstange befestigt werden. Diese Aufgabe übernahm bei der Übung das THW mit seiner Ausrüstung.  

 

UEB Deichvert 12 UEB Deichvert 13 

Um viele Sandsäcke schnell zu bewegen ist eine Helferkette am Besten.

Übung auf dem Trockenen: Im Ernstfall wird die Folie unter Wasser von Tauchern mit Sandsäcken beschwert. Ein zusätzlicher Helfer übernimmt die Leinensicherung.